Grüna vor 50 Jahren

Abschaffung der Lebensmittelkarten – Kollektivierung der Landwirtschaft

Im Jahre 1958 hatte unser Ort 6759 Einwohner. Die Zahl war seit Kriegsende 1945 ständig gesunken.
In den 50er Jahren hatte sich der Lebensstandard der Bevölkerung, wenn auch langsam, allmählich verbessert. Die Industrie- und besonders die Konsumgüterproduktion war 1957/58 beträchtlich gestiegen. Ab 1. Juni 1958 wurde die Rationierung von Fleisch, Fett und Zucker aufgehoben, die Lebensmittelkarten abgeschafft und wesentlich niedrigere Preise als die bisherigen stark überhöhten HO-Preise eingeführt. (Gesetz vom 28.Mai 1958)
Um das insgesamt höhere Preisniveau für den Lebensunterhalt auszugleichen, erhielten alle Arbeiter und Angestellten bis zu einer Gehaltsobergrenze von 800 DM gestaffelte Lohnerhöhungen. Sozialfürsorgeempfängern, Rentnern, Kindern sowie Frauen bei Geburt eines Kindes wurden ebenfalls finanzielle Zuschläge zugeteilt. Die staatlich gestützten niedrigen Brot- und Kartoffelpreise wurden nicht verändert. Ebenso blieben die Mieten und Tarife für Strom, Gas, Wasser und Verkehr. HO, Konsum und privater Einzelhandel verkauften die Erzeugnisse künftig mit gleichen Preisen.
Die Lebenssituation der hiesigen Bevölkerung wurde damit deutlich verbessert. Obwohl man im damaligen Westen bereit acht Jahre zuvor die Lebensmittelkarten abgeschafft hatte, kam die Aktion in der Bevölkerung gut an. Die Fluchtzahlen nach dem Westen gingen zurück. In einem Bericht der Kommission für Sozialfürsorge vom 28. April 1959 wurde aufgeführt, dass „mit der Erhöhung des Lebensstandards die Sozialfürsorgefälle im Ort gewaltig zurückgingen."
In den folgenden Jahren stieg der Konsumgüter- und Lebensmittelverbrauch im Ort. Der Bedürfnisse wuchsen schneller, so dass die Produktion oftmals nicht in der Lage war, diese zu befriedigen. Während bei Fleisch, Fett und Zucker der Bedarf im wesentlichen gedeckt werden konnte, mangelte es oftmals bei Gemüse (außer Tomaten, Radieschen und Petersilie), Eiern und Kartoffeln. Diese Erzeugnisse mussten über die Gemeinde und den örtlichen Handel direkt aus eige-nem Aufkommen bezogen werden, von Bauern, den späteren LPGs, von Kleingärtnern und Hühnerhaltern. Alles Obst und Gemüse wurde von den Verkaufsstellen der HO, dem Konsum sowie anderen Erfassungsstellen zu festgesetzten Preisen aufgekauft. Die Lieferung von Einkellerungskartoffeln war im Direktbezug zwischen den Bauern und dem Handel gebunden. Zur besseren Befriedigung der Käufer wurden weitere Konsum- und HO-Verkaufsstellen eröffnet. In verschie-denen Läden erfolgte die Umstellung auf Selbstbedienung.
Die bis Mitte 1959 vergleichsweise positive Entwicklung im Ort wurde gebremst durch die bis April 1960 durchgeführte Kollektivierung der Landwirtschaft. Die Einführung der Großraumwirtschaft und Bildung von LPGs nach sowjetischem Vorbild war bereits auf dem II. Parteikonferenz der SED beschlossen worden. Im damaligen Landkreis Karl-Marx-Stadt, zu dem die Gemeinde Grüna gehörte, wurden Aktivitäten erst fünf Jahre später ausgelöst. Am 2. Dezember 1957 wurde der Bürgermeister vom Rat des Kreises Karl-Marx-Stadt beauftragt, sich mit dem „Problem der Erweiterung des sozialistischen Sektors" zu beschäftigen. Nach vielen Einsätzen der Agitationsgruppen und sozialistischen Brigaden wurde am 10. September 1959 die erste LPG „Tierzucht", Typ III, gegründet. Zu ihr gehörten anfangs nur zwei Bauernwirtschaften mit 25ha Land. Sie hatte ihren Sitz im ehem. Claus-Gut auf der Limbacher Straße 22. Zur Bildung war es vermutlich in Vereinbarung mit der Gemeinde gekommen, denn beide Bauernfamilien hatten bereits vorher ihre weniger ablehnende Haltung zum Ausdruck gebracht. Die anderen im Ort ansässigen Bauern war nicht bereit, in eine LPG einzutre-ten.
Im Jahr 1959 hatte eine lang anhaltende Trockenheit zu erheblichen Rückständen in der Produktion von Milch, Fleisch und Kartoffeln geführt Trotzdem wurden die Maßnahmen zur „sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft" im neuen Jahr verstärkt fortgeführt. Bis Ende März 1960 hatte in Grüna wie in vielen anderen Gemeinden unseres Gebietes noch kein weiterer Bauer eine Beitrittserklärung unterschrieben. Bereits am 4. März 1960 setzte Walther Ulbricht auf einer Tagung des ZK die unverzügliche, volle Kollektivierung der Landwirtschaft in allen Bezirken der DDR durch, die bis 14. April 1960 abgeschlossen werden sollte. Vom 1 bis 11. April 1960 wurden daraufhin in straff durchorganisierten und großangelegten Massenaktionen nahezu täglich von früh bis abends intensive und aggressive Agitationsgespräche mit den hiesigen Bauern geführt, um diese zu einem Beitritt zu überzeugen. In die Einsätze, angeführt von Betriebs- und Parteifunktionären, wurden alle Massenorganisationen, viele Mitglieder von Betrieben und Institutionen sowie ganze Haus- und Hofgemeinschaften mit einbezogen. Die Lage der Bauern war schwieriger geworden. Sie konnten sich nicht mehr der ständigen Agitation, z. T. auch mit Drohung, die bis zur Verhaftung einiger Bürger ging, entziehen und gaben auf. Nachdem die meisten Bauern die Beitrittserklärung bis 10. April 1960 unterschrieben hatten, wurde am 20. April 1960 die Gründungsversammlung zur neuen LPG durchgeführt. Die damalige LPG „Grüne Aue" umfasste anfangs 23 Bauernwirtschaften mit 44 Mitgliedern und ca. 225 ha eingebrachtem Land. Nur vier private Bauernwirtschaften blieben weiterhin bestehen.
Die Zwangskollektivierung führte zu großen Problemen in der Zusammenarbeit und zu Rückschlägen in der Landwirtschaft. Die Privatinitiative erlahmte. Planrückstände in der Produktion waren die Folge. Betriebe, Parteifunktionäre und andere Organisationen mussten Patenschaften und „sozialistische Hilfe" in den kommenden Jahren bei der weiteren Tätigkeit übernehmen.
Christoph Ehrhardt, Ortschronist

Hinweis: Ein ausführlicherer Beitrag über die „LPG-Gründung in Grüna" wurde im Band „Wehe den Besiegten. Regionale Reparationsleistungen während und nach dem Zweiten Weltkrieg", Herausgeber: Heimatverein Niederfrohna e.V. 2007, Druckerei Willy Gröer, Chemnitz- Rabenstein veröffentlicht.