Grüna 1945 unter US Amerikanischer Besatzungsmacht

Grüna 1945 unter der US-amerikanischen Besatzungsmacht

Christoph Ehrhardt

Vor 75 Jahren ging der 2.Weltkrieg zu Ende. Am 16. April 1945 wurde unser Ort kampflos von den US-amerikanischen Truppen besetzt. Das Kriegsende folgte darauf am 8. Mai 1945.

Nachfolgend wird über das Geschehen in unserer Gemeinde während der amerikanischen Besatzungszeit bis Kriegsende 1945 berichtet. Der im Heft1/2020 des Ortschaftsanzeigers Grüna/Mittelbach veröffentlichte Beitrag über das Ende des 2. Weltkrieges in Grüna wird damit fortgesetzt.

In den letzten Monaten und Wochen des 2. Weltkrieges drangen die alliierten Truppen auf deutschen Boden schnell vor. Sie trafen nur noch vereinzelt auf Widerstand deutscher Truppen. Am 12. April 1945 erreichten die US-amerikanischen Truppen sächsischen Boden bei Crimmitschau. Während noch bis 15. April um Glauchau gekämpft wurde, erfolgten auf der Autobahn (jetzt A4) im Rabensteiner Wald schon militärische Truppenbewegungen in Richtung Chemnitz. Aber auch südlich von Grüna in Blickrichtung Mittelbach rückten amerikanische Panzereinheiten von Oberlungwitz und Wüstenbrand kommend über den Landgraben und Wiesengrund bis zum Grünaer Fußballplatz und Sommerbad vor. Die amerikanischen Truppen der „Kampfgruppe A“ zogen weiter bis Reichenbrand und Siegmar. Nach kurzen Beschuss ergaben sich beide Chemnitzer Vororte am 15. April 1945. Obwohl Grüna noch nicht besetzt worden war, kam es an diesem Tag schon zu ersten Kontakten von Grünaer und Mittelbacher Einwohnern mit amerikanischen Truppen. Von der Autobahnausfahrt Wüstenbrand/Limbach fuhren militärische Kampfeinheiten, vor allem Panzertrupps über die Limbacher Straße in das seit 14. April besetzte Wüstenbrand. An den Vortagen wurde in Grüna mehrfach Feindalarm gegeben. Immer wieder erfolgten Kanonendonner. Feindliche Granaten flogen über unseren Ort. Sie richteten jedoch in Grüna kaum einen Schaden an.

Die Truppenbewegungen, die Stellungen der Truppen und die späteren Einrichtungen der amerikanischen Besatzungstruppen sind in dem Bild dargestellt.

Amerikanische Truppenbewegungen, militärische und administrative Einrichtungen von April bis Juni 1945 in Grüna


Am 16. April 1945 schließlich wurde Grüna von den US-amerikanischen Truppen kampflos besetzt. Die Truppen kamen von Wüstenbrand und der Autobahneinfahrt her aus dem Wald in gebückter Stellung mit dem Gewehr im Anschlag, begleitet von leichten Militärfahrzeugen auf der Wasserwerkstraße auf die Berghäuser in Obergrüna zu. Sie besetzten zunächst die Häuser auf der oberen und unteren Bergstraße, danach auch die damalige Hindenburgstraße (jetzt Damaschkestraße), später den weiteren Ort. Es war ein Tag mit viel Sonnenschein. Kein Schuss fiel. Eine beängstigende Stille herrschte. Nur die einzige Glocke der Grünaer Kirche läutete, um ein friedliches Zeichen zu geben. Wir Kinder konnten in gebührendem Abstand den Einmarsch der amerikanischen Truppen verfolgen, während die älteren Einwohner in ihren Häusern verblieben. Viele Häuser auf der unteren und oberen Bergstraße wie auch der Hindenburgstraße mussten für die amerikanischen Truppen frei gezogen werden. Die Bewohner waren gezwungen, einstweilen mit wenigem Hab und Gut bei benachbarten Häusern eine vorläufige Unterkunft zu suchen. Wie der mittlere und untere Ortsteil im Einzelnen besetzt wurde, ist wenig bekannt. Eugen Baldauf, der später Grünaer Bürgermeister wurde, berichtete, dass für die amerikanische Besatzungsmacht im Ort zeitweise ganze Straßenzüge frei gezogen werden mussten.

Die amerikanischen Truppen hatten Grüna bis zum östlichen Ortsende besetzt. Am unteren Ortsausgang, wo die Neefestraße beginnt, war die Chemnitzer Straße nach Reichenbrand abgesperrt. Niemand durfte weiter nach Chemnitz. Auch die von Mittelbach kommende und nach Chemnitz führende Hofer Straße (damals war dort eine Straßenbrücke, jetzt Kreisverkehr) war für jeglichen Verkehr zu. Die von den amerikanische Truppen bisher besetzten Gebiete wurden damit gegenüber dem noch unbesetzten Chemnitz mit seinen Vororten abgegrenzt. Die Demarkationslinie führte vom Grünaer Ortsausgang in nördliche Richtung über den Grenzweg zwischen die Kleingartensparten „Eigener Fleiß“ und „Waldesluft“ in Richtung Rabenstein, das örtlich geteilt war. Wenige Tage später, etwa Ende April.1945 wurde die Grenze weiter östlich nach Siegmar bis zur Autobahn (jetzt A72) verlegt. Für die Grünaer Einwohner ergab sich jedoch keine Änderung. Die Sperre blieb am Ortsausgang während der gesamten amerikanischen Besatzungszeit bis zum Abzug der Truppen bestehen. Sie durfte auch für wichtige Nahrungslieferungen nicht überschritten werden.

Die amerikanischen Truppen herrschten seit ihrem Einmarsch am 16. April 1945 mit uneingeschränkter Hoheit und Regierungsgewalt, verbunden mit der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit in unserer Gemeinde sowie ersten Regelungen zur Nahrungsmittelversorgung. Den Einwohnern von Grüna wurde es mit Plakaten an den Litfaßsäulen unseres Ortes bekanntgegeben (siehe nachfolgendes Bild). Für die Einwohner, den vielen Flüchtlingen und evakuierten Bürgern in der Gemeinde war damit die Hitlerherrschaft zu Ende gegangen, obwohl noch in einigen Gebieten des nahen Erzgebirges bis Anfang Mai 1945 gekämpft wurde.


Das Rathaus im Ort wurde vorübergehend mit amerikanischen Soldaten und Wachen besetzt. Der damalige vermutlich parteilose Bürgermeister Richard Walther blieb während der amerikanischen Besetzung weiterhin im Amt. Die Gemeindeverwaltung wurde personell nur wenig verändert. NSDAP-Genossen, die vorher die Einwohner noch zum letzten Widerstand aufgefordert hatten, waren geflüchtet oder hatten sich weitgehend zurückgezogen. Die Wirtschaft und das öffentliche Leben waren zum Erliegen gekommen. Den Menschen ging es in den nächsten Tagen und Wochen vor allem um das weitere Überleben. Das Leben war von Unsicherheit geprägt. Niemand wusste, was passiert und wie es weiter gehen sollte.

In den folgenden Tagen verhängte die amerikanische Besatzungsmacht über unsere Gemeinde eine nächtliche Ausgangssperre. Auf den Straßen durften sich die Menschen nur noch tagsüber in der Zeit von 7 bis 19 Uhr aufhalten. Größere Zusammenkünfte auf den Straßen und politische Treffen waren verboten. Nachts streiften amerikanische Posten und Militärpatrouillen durch den Ort. Sie kontrollierten das Gelände und die Gebäude im Ort. Man hörte sie kaum. An ihren Schuhen hatten die amerikanischen Besatzer Gummisohlen. Die Fenster mussten abends und nachts verdunkelt bleiben. Die amerikanische Militärregierung drohte den Einwohnern, die Beleuchtung bei ungenügend verdunkelten Wohnungen durch Schüsse zu verlöschen.

Im Hinterhof des Rathauses mussten Waffen, Rundfunk, Fotoapparate und andere Geräte abgegeben werden. Vernichtet wurden die Waffen an anderen Stellen. So fand man später massenhaft Waffen im Teich des oberen Türkgutes, die dort versenkt wurden. Kleinere Munition blieb vielfach unbeachtet liegen (auch nach Abzug der Truppen). Für spielende Kinder war sie eine große Gefahr.

Die amerikanischen Truppen legten nach ihrer Ankunft Feldtelefonleitungen entlang der Straßenränder. Auch der hiesige Drahtfunk wurde genutzt, der damals z. T. mit Telefon gekoppelt war. Für die Einwohner unseres Ortes jedoch hatte man bis Kriegsende allen Telefonverkehr verboten.

Die ersten amerikanischen Kampfeinheiten unter Führung des Militäroffiziers Gerald J. Foley vom 319. Infantry Regiments, die am 16. April 1945 Grüna besetzten,. blieben nicht lange. Sie wurden bald wieder abgezogen und zu weiteren Kampfhandlungen in anderen Gebieten eingesetzt.

In den folgenden Tagen rückten in Grüna weitere US-Einheiten ein. Schwere Panzer rollten durch unseren Ort. Sie nahmen auf den Feldern auf dem Südhang des Totensteins am Waldrand Stellung, um von hier aus gegen Chemnitz zu operieren. Sie gehörten vermutlich zur 4. und 6. Panzereinheit. Dem Autor ist noch als Kind in Erinnerung, wie die Panzer die Bergstraße hochkamen, dabei ein Wegeschild umknickten, einen etwa 8 bis10 m langen Bretterzaun auf der unteren Bergstraße niederfuhren und auf den Feldern vor dem Waldrand Halt machten. Ihre Rohre waren nach Chemnitz gerichtet. Es fiel jedoch kaum ein Schuss von den am Grünaer Berg aufgestellten Panzern. Zeitweise konnten wir Kinder in der Nähe der Panzer verweilen. Die Panzer blieben hier nur einige Tage und wurden dann wieder abgezogen, vermutlich, da sich in den letzten Apriltagen 1945 in der Stadt Chemnitz die Lage änderte und ein Großangriff sowie eine Besetzung zunächst vermieden werden konnte. Nach amerikanischer Darstellung erreichte hier in Grüna der Truppenvormarsch sein vorläufiges Ende..., „wo die militärischen Kampfeinheiten der Kompanie in die Defensive gingen“ In einem Kriegsbericht aus dem Jahre 1945 wird dies durch den damals kommandierenden Capt. Earle K. Johnson der 12. Kompanie („Mike Company“) dokumentiert. Die heutigen Autobahnen A4 und A72 stellten zum Teil eine Nordsüdgrenze im Chemnitzer Gebiet dar. Grüna als einer der letzten Stützpunkte der US-amerikanischen Kriegsstreitkräfte vor Chemnitz hatte in den weiteren Tagen eine gewisse Bedeutung dahingehend erlangt, dass über die im Ort vorhandene amerikanische Kommandantur Verhandlungen zur Einnahme und Besetzung von Chemnitz sowie deren Vororte (heute Stadtteile) durchgeführt werden konnten.

In den folgenden April- und Maitagen bis Kriegsende 1945 wurde Grüna von weiteren militärischen Truppeneinheiten besetzt. In der Villa des Trikotagenbetriebes Robert Müller, Chemnitzer Straße 73, richtete man eine amerikanische Kommandantur ein. Kommandanten waren damals in Grüna: James C. Leighton vom 3rd Bataillon (in den Dokumenten am 29.4.45 aufgeführt) und Gilbert T. Owren vom 1st Bataillon (am 12.5.45 genannt), beide vom 385th Infanterie-Regiment und der 76th Infanterie-Division.

Amerikanische Flagge vor der Grünaer Kirche


Im Vorgarten der Villa wehte die amerikanische Flagge. Vor dem Straßeneingang zur Kommandantur (damals mit schmiedeeisernem Eingangs- und Fußgängertor) stand links ein Posten mit griffbereitem Gewehr. Neben ihm ein Liegestuhl, in welchen er z.T. leger herumhing und sich ausruhte. Mit Kaugummi und einer Zigarette im Mund schaute er durch ein Fernrohr nach jedem Mädchen auf der anderen Straßenseite. Schräg gegenüber, am Cafe Michael, beim „Michl Ernst“, Chemnitzer Str. 80, hatte man auf dem Vorplatz eine „Amiküche“ eingerichtet. Dort standen oft mehrere fahrbereite Jeeps. Es gab immer zu essen. Vieles wurde auch entsorgt - halbvolle Büchsen mit Ananas, Kekspackungen und anderes. Für unsere hungrigen Jungs im Ort eine Gelegenheit, schnell ihren Magen zu füllen. Man durfte sich jedoch nicht erwischen lassen. Die „Amis“ machten sich einen Spaß darauf. Sie standen häufig hinter einer Tür und warteten ab, bis jemand kam. Wenn eine Person geschnappt wurde, musste diese alle Küchenräume reinigen. Man bekam auch ein richtiges Essen, wurde dann aber oft an der Ladentür unsanft mit einem Fußtritt entlassen. Gegenüber an der ehemaligen Ortskrankenkasse lümmelten oft die amerikanischen Soldaten im Schatten.

Die amerikanischen Truppen hatten vielfach Langeweile. Sie vertrieben diese mit Schießübungen. Ein Holzschild bei Cafe Michael mit einem schwarzen Pfeil, der zum Sportplatz im Wiesengrund zeigte, war mehrfach das Ziel von amerikanischen Schützen und stark durchlöchert. Aber auch auf die Kugel des Grünaer Kirchturmes wurde geschossen. Die Ein- und Durchschüsse sind heute noch vorhanden.

Amerikanische Truppen vor dem Hotel Claus


Auf der Chemnitzer Straße herrschte ein reger Truppenverkehr. Das Bild zeigt amerikanische Truppen in der Nähe des einstigen Hotel Clauß. Vor dem Oberen Gasthof und im Volkspark an der Chemnitzer Straße führten die amerikanischen Soldaten ihre Truppenübungen durch.

Ein Kommandostützpunkt war möglicherweise im Gelände der ehemaligen Handschuhfabrik Gebr. Abel, Chemnitzer Straße 11-13. Vor dem Fabrikgebäude (heute nicht mehr vorhanden) hielten sich die meisten amerikanischen Truppen auf.

Die amerikanischen Soldaten trugen außer ihrem Gewehr zusätzlich eine Pistole und einen Colt an der rechten Seite ihrer Uniform. Sie kamen mitunter in die noch offenen Lebensmittelgeschäfte, in Bauernwirtschaften oder zu anderen Bürgern und verlangten dort die Hausgabe von Weinen, Spirituosen, Eier oder anderen Nahrungsmitteln, die nicht in ihrem mitgeführten Proviant waren. Im Kolonialwarengeschäft meines Vaters tauchte ein amerikanischer Soldat auf und verlangte mit vorgehaltener Schusswaffe die Herausgabe von Flaschenwein. Nachdem er sich überzeugen konnte, dass wir keinen Wein mehr im Keller hatten, ging er in unsere Küche, langte in einen Brattiegel und kostete einen „Kartoffelpuffer“, der ihm offenbar nicht schmeckte. Er glitsche diesen auf meinen Kopf und verschwand schnell wieder.

Das Verhalten der amerikanischen Truppen zur Bevölkerung war unterschiedlich. Ein großer Teil der Besatzer war relativ friedlich und wenig aggressiv. Einige Soldaten fielen durch anmaßendes und freches Wesen auf. In den von ihnen besetzten Häusern legten sich einzelne Soldaten mit ihrem Schuhwerk einfach in die Federbetten. Größere Ausschreitungen gegen deutsche Bürger wurden in Grüna nicht bekannt. Ein großer Teil der jüngeren Frauen hielt sich anfangs noch versteckt. Einige wenige kokettierten auch mit amerikanischen Soldaten.

Zeitweise erfolgten Hausdurchsuchungen nach Waffen, Rundfunkempfängern und anderen Geräten. In unser Haus kam ein amerikanischer Besatzer, der unser Radio inspizierte. Es dauerte ihm jedoch zu lange bis irgendein Ton oder einer der wenigen Sender zu hören war. Für ihn war das Gerät nicht gut genug, und er ging wieder.

Wenige Tage nach der Besetzung wurde durch die amerikanische Kommandantur angeordnet, dass alle uniformierten Angestellten und Einwohner im Ort keine Uniform mehr tragen durften. Sie mussten sich in zivil kleiden und eine weiße Armbinde tragen, die von der Kommandantur ausgegeben wurde. Dies galt für Polizisten, die Gendarmerie, für Post- und Eisenbahnangestellte, die Feuerwehr und sogar für Leichenträger. Bei Nichteinhaltung des Befehls wurde sofortige Haft angedroht.

Am 1. Mai mussten sich alle ehemaligen deutschen Wehrmachtangehörigen im Rathaus einzufinden. Wer sich nicht meldete, wurde als Spion betrachtet und danach bestraft. Die meisten Männer brachte man, ohne dass den Angehörigen Bescheid gegeben wurde, in Fahrzeugen nach Bad Kreuznach. Dort war ein riesiges Gefangenenlager. Die Menschen mussten zeitweise auf blanken Erdboden schlafen und wurden krank. Einzelne überlebten die mehrwöchige Gefangenschaft und Hungerzeit nicht. Alle weiteren Bürger im Alter von 16 bis 60 Jahren hatten sich am 6. Mai in der Turnhalle zu melden. Auch hier wurden Strafen und Kontrollen angedroht. Ein Teil der Männer in Grüna kam trotzdem dem Befehl nicht nach.

Seit der Besetzung unserer Gemeinde durch die amerikanischen Truppen ab Mitte April 1945 kamen ständig weitere Flüchtlinge aus den ostdeutschen Gebieten in unserem Ort an. Sie waren vor den heranrückenden russischen Truppen geflohen und wollten in die westlicher gelegene amerikanische Besatzungszone. Der Zuzug war für die aus Richtung Chemnitz kommenden Flüchtlinge schwieriger geworden, da die amerikanische Besatzungsmacht den östlichen Ortseingang von Grüna absperrt hatte und keine Personen ohne besonderen Ausweis mehr durchließ. Die neu ankommenden Flüchtlinge mussten, wenn sie in unser amerikanisch besetztes Gebiet wollten, auf Nebenwegen diese Grenze passieren oder sich nachts durch den Rabensteiner Wald schlagen. Die Straßensperrung blieb bis zum Abzug der amerikanischen Truppen etwa Mitte Juni 1945 bestehen. Trotz dieser Maßnahme stieg in dieser Zeit die Zahl an Flüchtlingen weiter an. Die Einwohnerzahl erreichte in unserem Ort bis Kriegsende einen Höchststand von etwa 8400 bis 8480.

Mit der Besetzung unseres Ortes durch die amerikanischen Truppen wurden auch die in den Ausländerlagern untergebrachten Gefangenen und Fremdarbeiter frei, die von nun an versuchten, auf ihre Art ihr weiteres Leben zu gestalten. Der spätere Bürgermeister von Grüna Eugen Baldauf berichtete, dass vor allem Franzosen und Belgier die Straßen bevölkerten und auf eigene Faust und Gefahr westwärts ihrer Heimat zu zogen. Zu dieser Zeit gab es in Grüna noch keinen regelmäßigen Personenverkehr durch Eisenbahn und Kraftfahrzeuge. Nahrungsmittel wurden nur auf Lebensmittelkarten für öffentlich gemeldete Personen ausgegeben. So verblieb in Grüna ein Teil der Ausländer noch in ihrem Lager. Es wird berichtet, dass in Fleischers Gasthof, Chemnitzer Str. 46, neben anderen ausländischen Bürgern drei Flamen untergebracht waren, die noch bis zum 1. Mai an der Gemeinschaftsverpflegung teilnahmen. Auch Est- und Lettländer befanden sich bis nach Kriegsende als Familien mit Frauen und Kinder im Lager. Ein weiteres Ausländerlager war in der Flachsfabrik der Fa. Türk & Co, an der Reichelbleiche 1. Dort hielten sich weitere sieben Jugoslawen auf. Über den Verbleib der russischen Kriegsgefangenen (damals als Ostarbeiter bezeichnet) und anderer Fremdarbeiter, die vor allem im „Oberen Gasthof“ Grüna untergebracht waren, ist wenig bekannt.

Noch vor Kriegsende im April 1945 hatten sich in einigen Gemeinden politische Bürgerbewegungen gebildet. In der Gemeinde Grüna formte sich unter Eugen Baldauf, der vorher Mitglied der in der nationalsozialistischen Zeit liquidierten KPD war und später unter der sowjetischen Besatzungsmacht Bürgermeister wurde, ein „Nationalkomitee freies Deutschland.“ Die Bildung des Komitees erfolgte in Anlehnung der Tätigkeit der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion. Die Vereinigung, anfangs bestehend aus Mitgliedern der kommunistischen Partei und wenig später auch der SPD, hatte sich zum Ziel gestellt, auf der Grundlage einer neuen demokratischen Gesellschaftsordnung ein besseres Leben für die Menschen zu schaffen. Sie versuchte zunächst das Leben im Ort zu normalisieren und in der Gemeinde eine neue Verwaltungstätigkeit in Verbindung mit dem bisherigen Bürgermeister Richard Walther aufzubauen. Unter den schwierigen Verhältnissen und in zwangsläufiger Abhängigkeit von der amerikanischen Besatzungsmacht unternahm die Gruppe erste Schritte. Für die Tätigkeit stellte der bisherige Bürgermeister Richard Walther den Mitgliedern des Komitees das sog. Mittelzimmer im Rathaus zur Verfügung. Der Teilnehmerkreis wurde immer größer und wuchs von Sitzung zu Sitzung. Viele wollten mithelfen, vor allem auch aus Kreisen ehemaliger „kleiner Nazis“. Es wurden erste Verbindungen zu den Nachbargemeinden Wüstenbrand und Limbach aufgenommen. Nach Chemnitz war der Weg „durch den Widerstand der SS in Siegmar versperrt“.

Die Tätigkeit des Komitees war geprägt von der katastrophalen Lage, die im Ort herrschte. In erster Linie galt es, die Ernährungslage zu verbessern, deren Realisierung größte Schwierigkeiten bereitete. Es gab keine Transportmittel und Kraftstoffe. In andere Orte zu kommen, war schwierig. Alle Fahrten mussten anfangs durch die amerikanische Besatzungsmacht genehmigt werden. Selbsttätiges Handeln wurde nicht immer von der amerikanischen Kommandantur genehmigt, auch wenn es im Interesse der Einwohner lag.

Auf den Straßen gab es keine ausreichende Sicherheit. Durch das Komitee wurde Verbindung zu den befreiten Kriegsgefangenen und Fremdarbeitern aufgenommen, vor allem um Plünderungen und Ausschreitungen im Ort zu vermeiden. Es kam vor, dass die Ausländer nachts in Häusern und Gärten einbrachen. Im Hause des Verfassers versuchten Fremdarbeiter im Keller gelagerte Gegenstände zu stehlen.

Die amerikanische Besatzungsmacht gestattete nur anfangs die Tätigkeit des Grünaer Komitees. Sie genehmigte einen ersten Aufruf, der die Grünaer Bevölkerung und vor allem Antifaschisten zur Mitarbeit aufforderte. Die Absicht von Mitgliedern der KPD und SPD, eine Maidemonstration durchzuführen, wurde verboten. Einem weiteren Aufruf des Komitees genehmigte die amerikanische Besatzungsmacht nicht, nach Baldauf „auch auf Anregung reaktionärer Fabrikanten.“ Man kann jedoch annehmen, dass die amerikanische Besatzungsmacht zunehmend die gesellschaftspolitischen Absichten in der Tätigkeit des Komitees erkannte. Als das Komitee sich anschickte, ein in der Handschuhfabrik Gebr. Abel, Chemnitzer Str. 11-13, vorhandenes großes Stofflager für Marineuniformen auszuheben, zog die Ortskommandantur ihre vorher gegebene Zusage über die freie Tätigkeit des Komitees zurück und verbot jedes selbständige Handeln. Das Komitee arbeitete daraufhin bis zum Abzug der amerikanischen Truppen „im Stillen“ weiter.

Lebensmittelkarte für den Zeitraum 9.-29.4.1945 für Erwachsene in Sachsen


In den letzten Kriegstagen während der Besatzungszeit verschlechterte sich die Ernährungslage weiter. Vom Reichsernährungsamt waren für die 74. Zuteilungsperiode vom 9. bis 29. April 1945 noch Lebensmittelkarten herausgegeben worden (Bild). Die Belieferung der Karten über die Lebensmittelläden konnte jedoch nur noch zum Teil erfolgen, da durch die Besetzung unseres Ortes am 16. April 1945 die meisten Verbindungen zu dem ausliefernden Handel, vor allem in den östlichen Vororten von Chemnitz, wie Siegmar abgebrochen waren. Die Auslieferung von Nahrungsmitteln (z. B. Molkereiprodukte) von dort in unser besetztes Gebiet ließ die amerikanische Besatzungsmacht nicht mehr zu. Unsere Gemeinde war bei der Nahrungsmittelversorgung vorerst weitgehend auf sich selbst angewiesen, und die Gemeindeverwaltung versuchte zusammen mit einigen Mitgliedern des Grünaer Komitees Lebensmitteltransporte für die Einwohner zu organisieren. Baldauf, der Leiter des Komitees, berichtete, dass trotz der Besetzung einzelner Orte die Herbeischaffung von Nahrungsgütern gelang. Da die Mengen für den Bedarf in der Bevölkerung bei weiten nicht ausreichten, mussten sich die Menschen zunehmend selbst durch sog. „Hamsterfahrten“ versorgen.

Am 8. Mai 1945 erfolgte die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht.

Das Kriegsende wurde durch die Bevölkerung im Wesentlichen nur durch Meldungen aus den noch verbliebenen Rundfunkgeräten bzw. dem Drahtfunk wahrgenommen. Zeitungen und andere Informationsmittel gab es in Grüna nicht. Die Einwohner verspürten zunächst nach Erinnerungen des Autors kaum irgendwelche Veränderungen. Sie wurden vielfach durch die Bevölkerung nicht wahrgenommen, da die Menschen zunehmend mit ihrem Überleben beschäftigt waren. Die Bürger waren froh, dass der schreckliche Krieg ein Ende gefunden hatte und sie diesen überlebt hatten. Bei den vielen, täglich das Leben prägenden Ereignissen drang dieser Tag als historisches Datum damals weniger stark in das Bewusstsein der Menschen ein. Denn niemand ahnte, wie es weitergehen und was alles noch kommen sollte. Aufgrund der Ungewissheit kam vor allem bei den Kriegsrückkehrern und den Flüchtlingen kaum ein Gedanke der Befreiung auf.

Wie sich das Leben im Ort nach Kriegsende 1945 weiterentwickelte, wird in einem nachfolgenden Beitrag geschildert.


Quellen:

1) siehe Beiträge zur Heimatgeschichte, Heft 2, Herausgeber: Heimatverein Reichenbrand e.V., Chemnitz 1998, S. 56

2) nach Berichten von Augenzeugen: Nestler, R.; Sieber, I.; Frenzel, R., Wickleder, V. u.a.

3) StadtA Chemnitz, Bestand Grüna, Abl-V. Nr. 133

4) Baldauf, Eugen: Erinnerungen des Grünaer Bürgermeisters von 1945 bis 1954

5) StadtA Chemnitz, Bestand Grüna ,S9, auch 813

6) Aus Chemnitzer Erinnerungen 1945. Teil III. Verlag: Heimatland Sachsen Chemnitz GmbH, Jahr 2005

7) Dokumentation: 385 TH in the ETO, S. 62 (Übersetzung v. Hübsch, Eberhard)

auch Informationen v. Koch, Ulrich, Publizist/Berlin

8) StadtA Chemnitz, Bestand Grüna , S106

9) Aus STAC, Findhilfsmittel 30050, Akte 732;

Dieser Artikel stammt aus dem Ortschaftsanzeiger Grüna / Mittelbach Oktober 2020

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