Grüna vor 100 Jahren: Ernährungslage der Menschen im 1. Weltkrieg 1914 – 18

Grüna vor 100 Jahren –

Zur Entwicklung der Ernährungslage der Menschen im 1. Weltkrieg 1914 – 18

Am 11. November 1918 ging der 1. Weltkrieg zu Ende. Die lange Fortdauer des Krieges hatte in der Bevölkerung des Landes zu einer Verarmung und Hungersnot geführt, die auch im Nachkriegsjahr 1919 noch anhielt. Die Ernährungslage in der Bevölkerung war während des Krieges unterschiedlich. In den Landgemeinden mit Bauernwirtschaften, die sich mit Nahrungsmitteln selbst versorgen und zu einer Abgabe verpflichtet werden konnten, gestaltete sich die Lage weniger dramatisch. In den meisten Städten und den industriell entwickelten Gebieten jedoch reichten die stark rationierten Lebensmittelmengen nicht mehr aus, um die Gesundheit der Menschen aufrechtzuerhalten. Aber auch in Grüna, das damals schon eine industriell fortgeschrittene Gemeinde war, herrschte eine größere Not als auf manchen benachbarten Bauerndörfern.

Im nachfolgenden Beitrag werden die Auswirkungen des Krieges auf die Lebensverhältnisse, insbesondere die Ernährungslage in unserem Heimatort dargestellt. Über die Entwicklung des Krieges und das Geschehen wurde im vergangenen Jahr bereits ausführlich in der Presse berichtet.

Wie sich die Ernährungslage im folgenden Jahr 1919 weiter entwickelte und welche Maßnahmen dazu durch die neue Regierung und in der Gemeinde Grüna durchgeführt wurden, wird in einem späteren Beitrag des Ortschaftsanzeigers Grüna/Mittelbach geschildert.

Grüna vor 100 Jahren – Zur Entwicklung der Ernährungslage der Menschen im 1. Weltkrieg 1914 – 18

Am 1. August 1914 begann mit der allgemeinen Mobilmachung in Deutschland und Frankreich sowie der Kriegserklärung an Russland der 1.Weltkrieg. Schon in den ersten Jahren des Krieges wurde vom Kriegsernährungsamt im damaligen deutschen Reiche eine Rationierung der Lebensmittel eingeführt. Die Ausgabe der Nahrungsmittel erfolgte in der Regel auf Lebensmittelkarten, Brotheften oder Marken.

Für die Grünaer Bürger wurde die Belieferung mit Nahrungsmitteln meist in den „Grünaer Nachrichten“ durch den Gemeindevorstand bekannt gegeben.


Die Zuteilung erfolgte spontan und unregelmäßig, sobald Lebensmittel zur Lieferung vorhanden waren. Anweisungen, wie die Nahrungsmittel zu verteilen sind, wurden vom Kommunalverband der Amtshauptmannschaft in Chemnitz bzw. durch das Städtische Kriegswirtschaftsamt gegeben. Die Verteilung im Ort erfolgte durch den Gemeindevorstand und den Ernährungsausschuss, den es seit dem Kriegsjahr 1916 gab. Den Geschäften im Ort wurde genau mitgeteilt, welche Menge an Nahrungsmitteln sie pro Kopf an den Verbraucher abzugeben und zu welchem Preis sie diese zu verkaufen haben. Bei Nichtbeachtung wurden hohe Strafen angedroht. Die Preise stiegen in den Kriegsjahren, während die Mengeneinheiten pro Kopf geringer wurden

Anmerkung: Wie viel Nahrungsmittel die Bürger in Grüna insgesamt in einer Woche oder einem Monat erhielten, ist nicht bekannt. Es konnte nicht ermittelt werden, da die Akten und Dokumente dazu keine vollständigen Angaben dazu beinhalten.

Mit der Fortdauer des Krieges, besonders seit dem „Kohlrübenwinter“ 1916/17, verschlechterte sich die Lebenslage der Menschen. Zunehmend wurden Kohlrüben als Nahrungsmittel angeboten und auch als Ersatz für Kartoffeln verkauft, da auch die Versorgung mit Kartoffeln schwieriger wurde. Kohlrüben mussten aufgrund amtlicher Verfügungen zunehmend auf den Feldern angebaut und in den Haushaltungen wie Kartoffeln eingelagert werden.

Im Januar 1917 beschloss der Grünaer Ernährungsausschuss eine Anweisung, daß alle Haushaltungen pro Kopf 20 Pfd Kohlrüben abzunehmen haben. Bei Nichtabnahme verfiel der Anspruch auf ein anderes Gemüse, das mit 5 Pfg pro Pfund abgegeben wurde. Die Abgabe von Kartoffeln für die Bevölkerung durch die Selbstversorger und Landwirte wurde strenger gehandhabt.

Ab April trat eine neue Brotversorgung im Bezirk der Stadt Chemnitz in Kraft.

Sie galt auch für Grüna und beinhaltete eine Herabsetzung der Brotmenge pro Kopf. Aufgrund der miserablen Lebensverhältnisse kam es in verschiedenen Orten zu Kundgebungen und Massenprotesten. In Chemnitz fand Ende Januar 1917 ein gewaltiger Demonstrationszug aus allen Betrieben in der ganzen Stadt nach dem Marktplatz statt, an dem vor allem USPD- und SPD-Vertreter, aber auch viele andere Bürger teilnahmen.

Anmerkung: Die USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) trennte sich Anfang April 1971 von der SPD wegen unterschiedlicher Einstellung zu den Kriegskrediten.

Die Kundgebung fand Unterstützung sämtlicher Angestellten. Die Demonstration war von Eugen Baldauf (später Bürgermeister von Grüna) zusammen mit anderen Parteigenossen in Chemnitz (Heinrich Brandler, Fritz Heckert) organisiert worden. Baldauf, der vom 4. Jan. bis 22. Okt. 1917 aus dem Kriege zeitweise zur Arbeit nach Chemnitz abkommandiert wurde, berichtete über die damalige Stimmung in den Betrieben: „Hier in Betrieben herrschte unter Arbeitern, Meistern und Angestellten eine tieftraurige gedrückte Stimmung und zunehmende Kriegsmüdigkeit. Verflogen der Rausch der ersten Kriegstage ...Der Hunger quälte die Menschen... die vielen Verluste an Toten... die gedrückte Lebensweise und nicht zuletzt die Aussichtslosigkeit auf ein baldiges Ende.“

Im 1. Halbjahr 1918 erfolgte eine weitere Verkürzung der Mehlrationen um 20% und später eine Erhöhung der Getreidepreise. Die Fettration von 70gr. pro Woche u. Kopf wurden meist nur noch als Margarine, die 20-25 g Wasser enthielt, verteilt.

Obwohl sich die Ernährungslage im Jahr 1918 weiter verschlechterte, gab das Ernährungsministerium im Deutschen Reichstag Berlin bekannt, dass das Existenzminimum für das deutsche Volk durch das System der öffentlichen Bewirtschaftung der wichtigsten Nahrungsmittel gesichert ist. Die Ernährungslage jedoch hatte einen Stand erreicht, der nicht mehr unterboten werden durfte. Vertreter der SPD, damals die stärkste Linkspartei, kritisierten: … „schon lange reichten vor allem in den Städten die rationierten Nährstoffmengen nicht mehr aus, um die verbrauchten Kräfte voll zu ersetzen, da die zugeteilte Nahrungsmenge völlig unzureichend ist. Ein großer Teil der Ernte versickert über den Schleichhandel spurlos in unterirdische Kanäle.“ Für das neue Wirtschaftsjahr 1918/19 wurde von SPD-Vertretern im Reichstag eine restlose Erfassung des Ernteertrages und eine straffere Bewirtschaftung, aber auch ein besserer Ausgleich zwischen Zuschuss- und Überschussgebieten gefordert. Die durch die Absperrung Deutschlands vom Weltmarkt erzeugte Lebensmittelknappheit sollte auf alle Bevölkerungskreise einschließlich der Erzeuger von Nahrungsmitteln verteilt werden.

Seit August 1918 war die Kriegslage für Deutschland nach dem Eingreifen der US-Armee aussichtsloser geworden. Die deutschen Truppen mußten sich an der Westfront zurückziehen. Viele Deutsche Gefangene wurden gemacht. Es begann eine Art „Nationaler Verteidigungskrieg“, der mit aller Härte und Schärfe geführt wurde. Die deutsche Heeresleitung forderte schnelle Waffenstillstandsverhandlungen, um noch einen günstigen Frieden schließen zu können.

Es kam aber erst Anfang Oktober 1918 zu einem Friedensersuchen an die US-Regierung, nachdem nach mehreren Kanzlerwechsel eine neue deutsche Regierung mit sozialdemokratischer Beteiligung und parlamentarischer Arbeitsweise gebildet worden war. Ein Gesetz über die Parlamentarisierung wurde erst Ende Oktober 1918 vom Reichstag beschlossen.

Auch eine zunehmend kritische Berichterstattung in Zeitungen war möglich geworden. Die gegnerischen Mächte verlangten im Rahmen der Waffenstillstandsverhandlungen neben außenpolitischen Forderungen umfangreiche Reformen und eine Demokratisierung Deutschlands. Gleichzeitig war im Volke der Ruf nach Frieden und einem Ende des Militarismus lauter geworden.

Die Ernährungslage jedoch verschlechterte sich weiter. Vertreter der SPD berichteten von einem „Zusammenbruch der Ernährungsbürokratie.“ Sie forderten eine gründliche Reform der Kriegswirtschaft und einen Systemwechsel auch auf wirtschaftlichem Gebiet, um die Ernährungskrise zu beheben. Insbesonders hatte sich die Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch verschlechtert. Eine Missernte an Futtermitteln hatte zu beträchtlich verringerten Viehbestände geführt. Für das kommende Wirtschaftsjahr wurde deshalb die Einführung von fleischlosen Wochen für notwendig erachtet sowie die Einstellung der Lebenshaltung mehr auf pflanzliche Ernährung.

Ob in Grüna fleischlose Wochen durchgeführt wurden, ist nicht sicher. Der Ernährungsausschuss im Ort konnte zeitweise den Mangel durch Lieferung von Rindfleisch aus der Schweiz ausgleichen, allerdings zu einem wesentlich höheren Preis von 3,50 Mk pro Pfd.


Seit Mitte September 1918 wurden auch die Kartoffeln teurer. In Sachsen betrug der Höchstpreis für 1 Zentner Kartoffeln 6.- Mark. Im Kleinhandel mussten deshalb für 1 Pfund über 10 Pfennige bezahlt werden. Als Ursache wurde die Preispolitik der amtlichen Kriegswirtschaft aufgeführt.

Die SPD als damals stärkste Partei wiederholte in ihrem Presseorgan „Sächsisches Volksblatt“, Zwickau, „dass die von den Behörden zugeteilten Nahrungsmittel zur Ernährung und zur Aufrechterhaltung der Gesundheit nicht ausreichen. Die Zeichen von Unterernährung in der Bevölkerung mehren sich ständig“. Außer Lebensmittels wurden auch Haushaltmittel, z.B. Seifen, nur auf Karten ausgegeben.

In der Heimat wurden die Lebensbedingungen infolge der Wirtschaftsblockade immer schwieriger. Der Mangel an dem zum Leben notwendigsten. Die Lebensverhältnisse trieben immer mehr einer Katastrophe zu. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wuchs weiter.

Die aussichtslose Lage führte Ende Oktober und im November 1918 zu zunehmenden politischen Unruhen. Ein Matrosenaufstand, Streiks und Revolutionen fanden in mehreren deutschen Städten statt. Arbeiter- und Soldatenräte, auch als Volksräte bezeichnet, übernahmen in Deutschland die Macht. Die „Deutsche Republik“ wurde ausgerufen mit Friedrich Ebert, einen Sozialdemokraten, an der Spitze. Das bisherige Kaiserreich wurde abgelöst.

Am 11.November 1918 wurde der 1. Weltkrieg durch einen Waffenstillstand beendet, die Ernährungsnot jedoch dauerte weiter an.


Quellen:

Sächsisches Volksblatt, Zwickau Jahrgang 1918

Hohenstein- Ernstthaler Tageblatt, Jahrgang 1918

STAC Bestand 30104, Akte 1087 (beinhaltet Ausschnitte des Grünaer Anzeiger)

Stadtarchiv Chemnitz, Bestand Grüna, Nr.57 Niederschriften des Ernährungsausschusses von1916 - 18

Deutsche Geschichte von Tag zu Tag Digitale Bibliothek, Band 39

Eugen Baldauf: Erinnerungen aus meinem Leben

Dieser Artikel stammt aus dem Ortschaftsanzeiger Grüna / Mittelbach Oktober 2019

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