Die (vielleicht) älteste Firma in Grüna

Die (vielleicht) älteste Firma in Grüna

Gemeint ist die Firma, die unter den Namen Reichelbleiche oder „Flachse“ bekannt ist, und die man, von Wüstenbrand kommend, als Gewerbegebiet „Alte Flachse“ am Ortseingang von Grüna findet. 1670, also vor 355 Jahren, wurde im Grünaer Oberdorf am heutigen Standort der Grundstein von einem gewissen Hans Vogel gelegt.

Im 17. Jahrhundert kannte man hierzulande Textilien aus Baumwolle zwar, aber sie kamen als Luxusgüter aus Ägypten oder Indien und waren deshalb unerschwinglich. Nur der Adel oder die Kaufleute, die die Ware aus fernen Ländern brachten, konnten sich diesen Luxus leisten. Für das normale Volk war Leinen das einzig mögliche Textilgewebe, hergestellt aus der heimischen Pflanze Flachs (auch als Lein bezeichnet), und Leinen hatte nach seiner Herstellung eine graue bis bräunliche Farbe. Wer sich aber trotzdem über das gemeine Volk erheben wollte (und das notwendige Geld dazu hatte), wollte weißes oder zumindest helles Leinen besitzen. Dazu musste das Leinen gebleicht werden. Ähnlich wie auch das Privileg, Bier zu brauen, war das Bleich-Privileg begehrt und wurde streng kontrolliert. Chemnitz erhielt dieses Recht 1357 von den Meißner Markgrafen, was zudem einen 10-Meilen-Bannkreis beinhaltete, in dem anderen Bürgern das Bleichen verboten war.

Obergrüna allerdings gehörte damals zur Waldenburgischen Herrschaft Rabenstein. Als reichsunmittelbare Herrschaft besaßen Waldenburg bzw. die Herren von Schönburg ein eigenes Bleich-Privileg. So konnte Hans Vogel das Recht zum Bleichen eigener und fremder Leinwand „mit Kalk auf kaltem Wege“ erwerben. Das Gewerbe lief gut, so dass er im Jahre 1681 am heutigen Standort ein Bleichhaus errichtete.

Nach mehrmaligem Besitzerwechsel gelangte die Bleiche 1713 dann an den Grünaer Bürger Andreas Reichel. Als 1740 mit dem Übergang an das Chemnitzer Benediktinerkloster die Reichsunmittelbarkeit von Waldenburg zu Ende ging, behielt A. Reichel die Bleichrechte. Ein mehrjähriger Streit mit Neidern aus Chemnitz endete für ihn erfolgreich. Der Kurfürst Friedrich August II. erteilte an Reichel und seine Erben die „Konzession zum Fortbetrieb der Bleiche in der bisherigen Weise“, gegen einen jährlichen Erbzins von 6 Gulden. Ab 1743 durfte sich der Betrieb „Königlich privilegierte Bleicherei F. B. Reichel“ nennen. Der Name „Reichel-Bleiche“ bürgerte sich ein und blieb auch dann bestehen, als das Bleichen dort schon nicht mehr stattfand.

Die Reichels führten die Firma über 6 Generationen fast 2 Jahrhunderte bis 1910, mit stetig steigendem Erfolg. Dann blieb ein männlicher Erbe aus, es erfolgte der Verkauf an Bruno Ernst May, der den Namen des Vorbesitzers Reichel aber für die Firma weiterführte. Sie nannte sich fortan „F.B. Reichel Nachf., Grüna i. Sa.“. Den ersten Weltkrieg (für viele Firmen ging es dann wegen wegbrechender internationaler Geschäfte in den Konkurs) überlebte die Firma dank dem Bleichen von Verbandsstoffen – ein Produkt, das im Kriege „Konjunktur“ hatte.

Nach dem Krieg erfolgte eine beträchtliche Vergrößerung der Firma und Modernisierung der Bleicherei, die anfänglich für guten wirtschaftlichen Erfolg sorgte, der aber mit der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er- /Anfang der 30er-Jahre zu Ende ging. 1935 übernahm die Flachsaufbereitungsanstalt Türk, Liebers und Co. die Firma. Mit dem Bleichen war es vorbei, stattdessen war die Weiterverarbeitung von Flachs durch Rösten, Brechen und Hecheln der Inhalt der Produktion in der „Flachse“.

Unter dem Rösten, genauer dem Nassrösten, versteht man folgendes: Die Fasern des Flachses werden in warmem Wasser und mithilfe von Pilzen in einem Gärungsprozess vom Holz gelöst. Das Material wird mehrfach gewässert und getrocknet. Es braucht dafür viel Energie und vor allem viel Wasser, das der „Flachse“ mit dem Herrenteich und einer extra aus dem Wald gebauten Wasserleitung zur Verfügung stand. Nach dem Rösten erfolgt das Brechen (auch Riffeln genannt) des Flachses und schließlich das Hecheln der gelösten Fasern. Das Spinnen der Fasern zu Zwirn erfolgte dann nicht mehr in Grüna sondern in Spinnereien z.B. In Freiberg, Wiesenbad und Hirschfelde.

Wie gut trockener Flachs brennt, konnte man sehen, als am 26.5.1937 ein Großfeuer ausbrach und die Firma weitgehend zerstörte. Einen ausführlichen Bericht dazu finden Sie im Ortschaftsanzeiger 5/2017 auf S.40.

Aber man war ausreichend versichert, und schon am 2. November 1937 wurde Richtfest für den Neubau gefeiert und eine Woche später schon wieder mit der Produktion begonnen. (Nach 5 ½ Monaten! Man stelle sich das einmal auf die heutigen Antrags- und Bauzeiten übertragen vor!) 1938 rollte die Produktion wieder. Einschränkend muss aber gesagt werden, dass die vielen zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte und die Nähe der damaligen Firmenleitung zur nationalsozialistischen örtlichen Führung diesen schnellen und kurzen Wiederaufbau begünstigten.

Die Baufirma Köhler, heute in 5. Generation von Tobias Köhler geleitet und in Grüna fest verankert, hatte schon in den 30er Jahren viele der Bauarbeiten an der Flachse übernommen. Martin Köhler (verstorben 2010), der 1954 die Baufirma von seinem Großvater Emil Köhler übernahm, erinnert sich in seinen persönlichen Aufzeichnungen (die die Familie an das Grünaer Archiv übergeben hatte) an viele der einzelnen Bauarbeiten. So erfolgte in den Jahren zwischen den Weltkriegen der Bau eines Eisenbahn-Anschlusses in das Firmengelände.

Martin Köhler erinnerte sich, dass die großen Mengen des angelieferten Flachses ursprünglich im Freien gelagert wurden. Bei dem Großfeuer 1937 brannten sie verständlicherweise lichterloh. Eine deutliche Verbesserung der Lagerung trat ein, als 1938 zwei riesige Trocken- und Lagerhallen gebaut wurden. Diese Hallen stehen heute noch, hielten allen Stürmen stand und überstanden 1948 auch das zweite Feuer. Die Holzkonstruktion der Hallen beeindruckt jeden Besucher – und erfüllte die damaligen Zimmerleute sicher mit Stolz (und beeindruckt die heutigen sicher immer noch). Die Grünaer Firma Schreiter, vielen älteren Bürgern sicher noch bekannt, war maßgeblich am Bau der Hallen beteiligt.

Die Hallen waren zeitweise bis unters Dach mit Flachs gefüllt. Die löchrigen Wände sind beabsichtigt, da der durchstreifende Wind den Trocknungsprozess der Pflanzen begünstigt. Heute werden die Hallen von verschiedenen Firmen für die Unterstellung von Fahrzeugen und Geräten genutzt.

Im 2. Weltkrieg war die Produktion der Kriegswirtschaft unterstellt. Martin Köhler erinnerte sich daran, dass nach Beginn des 2. Weltkrieges französische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in der Fabrik beschäftigt waren, untergebracht in der ehemaligen Obergrünaer Schießanlage, die zum Oberen Gasthof gehörte. Mit der deutschen Besetzung Frankreichs konnten die meisten Franzosen zurück in ihre Heimat, stattdessen kamen sowjetische Kriegsgefangene. Diese lebten unter wesentlich schlechteren Verhältnissen, waren im Saal des Oberen Gasthofs hinter Stacheldraht gefangen und mussten unter Bewachung zur Arbeit marschieren, wo sie weitestgehend von den Deutschen getrennt wurden, z.B. durch eine zusätzliche Trennwand, die im Speisesaal eingebaut wurde.

Nach dem Krieg ging es langsam wieder bergauf. Wie schon erwähnt, zerstörte 1948 ein weiteres Feuer Teile des Betriebes, bis dann 1958 der Betrieb in staatliche Verwaltung überführt wurde und fortan „VEB Zentrale Hechelei und Rohstoffversorgung der Bastfaserindustrie“ hieß. Die Flachsverarbeitung endete dann 1981, wodurch der Betrieb in „VEB Zentrales Rohstoff- und Ersatzteillager Grüna“ umbenannt wurde und der Versorgung der DDR-Industrie mit Geweben, Garnen und Ersatzteilen diente, vorwiegend für technische Textilien.

Flachs findet für Nähgarn, Fäden, Bett- und Tischwäsche, für Planen und schließlich für Kleidung (Leinen) Verwendung. Wie aber schon der neue Name der „Flachse“ besagt, wurden dort alle Bastfasern, zu denen neben Flachs auch Sisal und Jute gehören, gelagert und DDR-weit verteilt. Sisal und Jute werden im Wesentlichen für technische Textilien verarbeitet: Sisal für Seile und Taue, für Fußmatten und Katzenkratzbäume, Jute ebenfalls für Fußmatten, aber auch für Säcke, Dekogewebe und für Schallschutzisolation, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Anlieferung der großen Mengen von Flachs-Rohstoffen und später der Textilien und Gerätschaften erfolgte über den genannten Eisenbahnanschluss. Die abgebildete (oder eine ähnliche) Rangierlok ßsteht heute noch bei Silvio Köster am Oberen Bahnhof. Wie viele Frauen und Männer in den 50ere Jahren in der Flachse beschäftigt waren, zeigt das andere Bild.

Mit den Wendejahren endete 1990 auch diese Phase der Firmengeschichte. Nach einem kurzen Stillstand werden die Gebäude und Einrichtungen der Reichel-Bleiche als Büro- und Gewerbepark „Alte Flachse GbR“ weitergeführt.

Wir, Karl Zimmermann und Ulrich Semmler, hatten die Gelegenheit, mit Frau Müller, bis 2025 Mitarbeiterin der GbR, über die jahrhundertelange Geschichte der Flachse zu sprechen und uns anzuschauen, wie die Flachse heute genutzt wird. Für Karl Zimmermann, der jahrzehntelang hier gearbeitet hatte, war es ein Déja-vu. Auch seine Frau Annemarie war zugegen, auch sie hatte seit 1958 hier gearbeitet.

28 Firmen sind im Gelände der Flachse eingemietet, die GbR „Alte Flachse“ verwaltet den Gesamtbetrieb. Die meisten von uns werden sich noch an den ersten Standort des PLUS-Marktes dort erinnern sowie an Groß- und Einzelhandelsfirmen für Fließen und Büroartikel.

Für interessierte Leser zur Geschichte der Textilindustrie in Grüna sei auch das zum Ortsjubiläum 2013 erschienene Buch „Grüna/Sa.: Geschichte und Geschichten aus der Grünen Au“ empfohlen, besonders die Kapitel „Wie Strumpf und Handschuh nach Grüna kamen“ und „Reichelbleiche/ Flachsfabrik“ (gibt es übrigens nach wie vor beim Heimatverein zu kaufen).

Wir bedanken uns bei Frau Müller und bei der neuen Geschäftsführung der GbR „Alte Flachse“ für die Unterstützung zu vorliegendem Artikel und der Möglichkeit zu einem Rundgang durch das Firmengelände. Mit Ausnahme der von den Autoren dabei gemachten neuen Fotos sind die anderen Bilder Kopien aus der Festschrift „250 Jahre Reichel-Bleiche“ zum Firmenjubiläum 1920 und aus der Fotosammlung der GbR „Alte Flachse“.

Ulrich Semmler und Karl Zimmermann, Heimatverein Grüna e.V.

Weitere verwendete Literatur:

  • 250 Jahre Bleichereibetrieb. In: Chemnitzer Tageblatt und Anzeiger, Nr. 332 v. 29.11.1920
  • Wichtiger Rohstoff im eigenen Land. In: Sächsische Volkszeitung, Dresden, Nr. 262 v. 9.11.1946
  • Wolfgang Bausch: Reichl-Bleiche mit über 300jähriger Tradition, Chemnitzer Blick, Ausg. 34 v. 23.8.1995
  • Wolfgang Bausch: Bleichen gegen den Widerstand der Ratsherren, Freie Presse Chemnitz, 2./3.12.2000

Dieser Artikel stammt aus dem Ortschaftsanzeiger Grüna / Mittelbach Februar 2026

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