Baumgarten

Georg Baumgarten, der Fliegende Oberförster aus Grüna



Berühmteste historische Person von Grüna/Sa. (heute zu Chemnitz) ist Ernst Georg August Baumgarten, auch bekannt als „der Fliegende Oberför­ster“, denn er baute und entwickelte – lange vor Graf Zeppelin – ein lenkbares Luftschiff, und zwar mit sehr bescheidenen finanziellen und technischen Möglichkeiten. Leider ist dies in der Öffentlichkeit recht unbekannt.

  • 1837: am 21.1. in Johanngeorgenstadt geb. als Sohn des Grenzaufsehers August Baumgarten und dessen Frau Adelheide geb. Schaarschmidt

  • 1857-59: Studium an der Forstakademie Tharandt, danach Förster in Borstendorf und Böhrigen (bei Roßwein)

  • 1866: am 20.11. Heirat mit Hedwig Auguste Mechler, Tochter des Oberförsters in Borstendorf; sie werden insgesamt zehn Kinder haben.

  • 1870: ab 1.7. Oberförster (d. h. Verwalter des Rabensteiner Forstrevieres) in Pleißa (bei Limbach-Oberfrohna)

  • 1871: Bau der ersten Luftschiff-Modelle: 1 Meter langes Holzgerüst, leinwandbespannt, darin gasgefüllte Kinderballons, und eine Spielzeugdampfmaschine als Antrieb. Doch der Ballon ist zu klein für das Gewicht.

  • 1872: Ende Dezember Umzug des Dienstsitzes nach Grüna (bei Chemnitz)

  • 1873-75: Bau des 3. Modells, 10,5 m lang, 15 cbm, zwei „Federkraftmotoren“ mit je 0,5 PS. Das schwebt, an einem Seil geführt, in 2 Metern Höhe.

  • 1876: Bau einer Montagehalle in Rabenstein (heute Stadtteil von Chemnitz); eigene Erzeugung von Wasserstoffgas; Bau des 4. Ballons, der leider nicht aufsteigt, weil nicht gasdicht.

  • 1877: In Wien erscheint Baumgartens Büchlein "Das lenkbare Flügel-Luftschiff, der Flug-Apparat, die Vertikal-Erhebungsmaschine ...". Bis 1882 folgen 12 Patentanmeldungen in Deutschland, Belgien, Frankreich und England. Seine eigenen Patent-Ideen kann er aber nur teilweise umsetzen.

  • 1879: Mit Hilfe des Grünaer Gastwirts Franz Keil, der selbst sein ganzes Vermögen für Baumgartens Arbeiten opfert, entsteht ein 20 m langes Luftschiff, mit dem Baumgarten vermutlich im Oktober aufsteigt. Antrieb und Lenkbarkeit hat er zuvor schon an einem kleineren Modell bewiesen.

  • 1879: Über das Hobby „Stenografie“ (oder „Tachygrafie“) lernt Baumgarten den vermögenden Leipziger Buchhändler Dr. Friedrich Hermann Wölfert (geb. 17.11.1850) kennen und begeistert ihn für seine Experimente. Gemeinsam wird das sechste Luftschiff am "Weißen Adler" in Dresden gebaut: eine „Zigarre“, 26 m lang, 3 Gondeln, und „Flügelschrauben“ per Handkurbel angetrieben.

  • 1880: Ab Januar erfolgreiche Auffahrten mit dem neuen Luftschiff in Plagwitz bei Leipzig, davon eine unfreiwillig: Am 28.3. lassen die Haltemannschaften aus Versehen los, und Baumgarten steigt allein bis in 1500 oder gar 3000 m Höhe. Die geplatzte Hülle und das Restgas bremsen den Fall, und der Pilot bleibt wie durch ein Wunder unverletzt.

  • 1881: Nach einem weiteren mißglückten Versuch untersagt die vorgesetzte Behörde dem Oberförster seine Luftschiffexperimente, wohl weil diese mit der Arbeit und dem öffentlichen Erscheinungsbild eines Staatsbediensteten unvereinbar sind. Baumgarten arbeitet heimlich weiter und geht für seine Versuche nach Altendorf (heute Chemnitz), wo erfolgreiche Aufstiege stattfinden.

  • Auch Wölfert will unbedingt weitermachen; auch er opfert sein ganzes Vermögen der Luftschiff-Idee und verläßt sogar seine Familie. Als Gründungsmitglied des „Deutschen Vereins zur Förderung der Luftschiffahrt“ zu Berlin sucht er potentielle Geldgeber beim Militär.

  • Ausbleibende Erfolge belasten die Zusammenarbeit; vor allem Baumgarten wird zunehmend charakterlich schwierig und psychisch angespannt. Wölfert handelt mehr und mehr auf eigene Faust; Baumgarten fühlt sich hintergangen und sieht das erträumte Lebenswerk schwinden. Geld hat er auch nicht mehr; die Familie droht zu verarmen. Ohne Erfolge wird er verspottet. Als ein Grünaer Fabrikant Baumgarten wegen dessen Luftschiff-Ideen beleidigt, greift er zum Gewehr und schießt. Niemand wird verletzt, doch für den „Sächsischen Staatsfiskus“ ist das Maß voll.

  • 1881, Sommer: Georg Baumgarten wird entmündigt; Vormund wird zunächst sein Freund Keil. Trotz allem wird er nicht fristlos entlassen, sondern soll zum 1.1.1882 in Pension gehen. Nur widerstrebend räumt er seine Dienstwohnung und zieht am 3.1.1882 um nach Siegmar.

  • 1882: Am 10.2. gelingt noch ein Aufstieg in Berlin-Charlottenburg vor Mitgliedern des o. a. Vereins sowie Vertretern des Kriegsministeriums und Generalstabs. Als Vertreter des Militärs soll auch Graf Ferdinand von Zeppelin unter den Zuschauern gewesen sein.

  • 1882: Da Baumgarten unter Vormundschaft steht, wird sein Verhalten beobachtet, welches offenbar immer seltsamer wird. Er bildet sich Krankheiten ein und will sich selbst ins Krankenhaus Zwickau einweisen. Der Chemnitzer Bezirksarzt diagnostiziert am 6.12.: „Früher vorherrschend Wahn, ein großer Erfinder zu sein, das Problem der Luftschifffahrt gelöst und eine Weltsprache erfunden zu haben ... Neuerdings Wahn, daß er ... unheilbar, gelähmt sei, ...“ Daraufhin wird

  • 1883 Baumgarten am 13.1. in die Landes-Irrenanstalt Colditz eingewiesen.

  • 1884: Am 23.6. stirbt Georg Baumgarten im Alter von nur 47 Jahren in Colditz an Tuberkulose.

Wichtigste Erfindungen und Erkenntnisse Baumgartens

  • Antrieb und horizontale Steuerung erfolgen durch Luftschrauben und sog. Wendeflügel.

  • Die Vertikalbewegung wird nicht durch Ballast- oder Gasabgabe gesteuert, sondern mittels Luftschrauben. Dazu ist das Luftschiff nicht oder nur wenig schwerer als die verdrängte Luftmenge.

  • Zur Übertragung der Kräfte hängt die Gondel unmittelbar unter dem Ballon und ist mit diesem starr verbunden mittels einer Innen-Aufhängung, wobei die Tragseile die Hülle durchdringen.

  • Der Muskelkraft-Antrieb ist jedoch unzureichend – einen geeigneten Motor gibt es noch nicht.

  • Die Gasfüllung des Ballons soll in einzelnen Zellen („Ballonetts“) erfolgen.

  • Im September 1880 soll Baumgarten bereits an einem „neuen Projekt“ gearbeitet haben, einem Starrballon mit innerem Skelett – dem späteren Zeppelin-Prinzip.

 

Dr. Friedrich Hermann Wölfert arbeitet ab 1883 allein und entwickelt Baumgartens Ideen weiter. Er nennt sein Luftschiff „Deutschland“ und baut mehrere handbetriebene Modelle, mit wechselndem Erfolg. Gottlieb Daimler, der seinen neu entwickelten Benzinmotor „zu Lande, zu Wasser und in der Luft“ einsetzen möchte (die drei Zacken des Mercedes-Sterns), nimmt im Oktober 1887 Kontakt zu Wölfert auf, und am 10.8.1888 findet in Cannstatt die erste Fahrt eines Luftfahrzeugs mit Ottomotor statt, wenn auch noch nicht mit überzeugendem Ergebnis. Weitere Versuche und Verbesserungen folgen; über Augsburg, München und Wien kommt Wölfert nach Berlin, immer auch auf der Suche nach Geldgebern.

Zur Gewerbeausstellung Berlin 1896 steigt er mit seinem neuen Luftschiff „Deutschland“ auf: 28 m lang, 875 cbm, Daimler-Motor, 8 PS. Bis Juni 1897 gibt es viele weitere Fahrten, mit unterschiedlichen Ergebnissen und Reaktionen des Militärs.

Am 12.6.1897 verunglücken Wölfert und sein Mechaniker Knabe tödlich. Bei einer unter Erfolgszwang stehenden Vorführung entzünden Flammen aus dem Motor das Wasserstoffgas, und die Hülle verbrennt in 600 Metern Höhe.

Ferdinand Adolf Heinrich August Graf von Zeppelin ist 18 Monate jünger als Baumgarten. Er erwirbt am 13. August 1898 das Reichspatent Nr. 98580 für einen Lenkbaren Luftfahrzug mit mehreren hintereinander angeordneten Tragkörpern. 1899 beginnt er mit dem Bau des ersten lenkbaren Starrluftschiffs und steigt damit 1900 über dem Bodensee auf.

Baumgarten-Ehrung in Grüna

1911: Eine Straße erhält Baumgartens Namen.

1929: Die "Interessengruppe Baumgarten" wird gegründet.

1937: Diese organisiert Gedenktafeln an seinen Häusern in Johanngeorgenstadt und in Siegmar.

1954: Einrichtung eines Baumgarten-Gedenkzimmers in der Alten Oberförsterei

1982: Gründung eines neues „Arbeitskreises Georg Baumgarten“

1984: In der Baumgartenstraße wird eine Gedenktafel angebracht.

1987: Anläßlich seines 150. Geburtstages wird im Schulhort eine neue Ausstellung eröffnet.

1990: Die Grünaer Schule erhält den Namen „Baumgarten-Schule“.

1994: Eröffnung der Baumgarten-Wölfert-Gedenkausstellung im neuen Folklorehof sowie des Baumgarten-Rundwanderweges im Rabensteiner Wald

1997: Volksfest anläßlich des 160. Geburtstags Baumgartens und des 100. Todestags Wölferts

2007: Volksfest „Grüna geht in die Luft“

Seit 2008 findet jährlich am letzten Sonnabend im September der „Baumgartentag Grüna“ statt.

2009: In der denkmalgeschützten Wohn- und Arbeitsstätte Baumgartens, der Alten Oberförsterei, wird das „Kinderhaus Baumgarten“ eröffnet, der „schönste Kindergarten von Chemnitz“.

2012: Zu Baumgartens 175. Geburtstag am 21.1. Enthüllung einer Gedenktafel an der Oberförsterei

2013: Den Festumzug zur 750-Jahr-Feier Grünas führt der Oberförster Baumgarten an mit seinem „neuesten“ Modell namens „Baumgarten NT – Grüna/Sa.“ (10 Meter lang).

2015: Eine neue Apotheke in Grüna öffnet unter Baumgartens Namen.

2019: Nach Schließung der Baumgarten-Wölfert-Ausstellung aus Brandschutzgründen 2015 wird (voraussichtlich im September) eine neue Ausstellung im Rathaus Grüna eingerichtet.


Literatur: Horst Teichmann und Günter O. Schulz (Letzterer ein Urenkel Wölferts):
„Ein Traum wird wahr – Georg Baumgarten und Dr. Wölfert, die wichtigsten deutschen Luftschiff-pioniere des 19. Jahrhunderts“, Schiff und Flugzeug-Verlagsbuchhandlung Empfingen 2007

Internet:     www.gruena-online.de                 www.heimatverein-gruena.de

Grüna, im März 2019         Fritz Stengel, Heimatverein Grüna, Arbeitskreis Baumgarten

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