Zur Entwicklung der Kindertagesstätten in Grüna

Zur Entwicklung der Kindertagesstätten in Grüna

Vor 75 Jahren 1947 wurde in Grüna der erste Kindergarten geschaffen. 25 Jahre später im Jahre 1972 richtete man auch die erste Kinderkrippe im Ort ein. Anlässlich dieser Jubiläen wird im nachfolgenden Beitrag über die Geschichte beider Kindereinrichtungen berichtet. Dabei soll zunächst vor allem auf die Anfangszeit in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR eingegangen werden. Der weiteren Entwicklung der Grünaer Kindereinrichtungen ab der politischen Wende 1989/90 wird Inhalt eines späteren Beitrags im Ortschaftsanzeiger sein.

Von Christoph Ehrhardt

Der erste Kindergarten Im ehemaligen Schützenhaus an der Mittelbacher Straße 16 in Grüna wurde der erste Kindergarten eingerichtet. Es erfolgte in einer Zeit, in welcher die Hungersnot der Menschen nach dem 2. Weltkrieg am größten war, aber auch große Wohnungsnot durch die vielen Flüchtlinge herrschte. Der Ausbau des Kindergartens erfolgte, wie der damalige Bürgermeister Eugen Baldauf berichtete, „unter Anspannung aller Kräfte“. Da es nach dem Kriege kaum Baumaterialien und Einrichtungsgegenstände gab, mussten Rohre, Waschbecken und Baustoffe im Austausch von Textilien herbeigeschafft werden. Das Objekt wurde eingerichtet, „… um den Frauen die Möglichkeit zu geben, ohne Sorgen um ihre Kleinen der Arbeit nachzugehen“ - so berichtete der Grünaer Bürgermeister. In der damaligen sowjetischen Besatzungszone herrschte ein Mangel an erwerbsfähigen Männern. Ein großer Teil war im Kriege umgekommen oder arbeitsunfähig verletzt worden. Nach dem Kriege sollten deshalb möglichst viele Frauen einer Tätigkeit in einem Betrieb oder anderen Einrichtung zugeführt werden. Die Kinder in den Familien sollten weitgehend in staatlichen Heimen betreut und nach sowjetischem Vorbild ähnlich der Komsomolzen erzogen werden. Es gab nicht wenige Frauen, die neben ihrer täglichen Hausarbeit auch auf einen zusätzlichen Verdienst angewiesen waren.

Der Grünaer Kindergarten war eine der ersten Kindertagesstätten im Landkreis. Die Unterkunft der Kinder erfolgte in den Räumen des damals schon stark reparaturbedürftigen Schützenhauses an der Mittelbacher Straße. Die Kindertagesstätte sollte ursprünglich ca. 60 Kinder aufnehmen, meistens aber lag die Belegung nicht viel über 50% davon. Es war ebenfalls gedacht, den Kindergarten mit dem angrenzenden Sommerbad zu verbinden, um auf dem dortigen Gelände Spiel- und Unterhaltungsplätze für die Kinder zu schaffen. (Das Sommerbad ist heute nicht mehr vorhanden. Es war damals eines der größten in ganz Sachsen. 1994 wurde es geschlossen und danach zugeschüttet).


Das „Schützenhaus“ an der Mittelbacher Str. 16,in welchem bis zum 2. Weltkrieg die Grünaer Scheibenschützengesellschaft ihr Domizil hatte, wurde in den Jahren nach 2000 abgerissen. (Im Vordergrund ist noch der Wiesenteich zu sehen, der ab 1926 zum Sommerbad Grüna umgestaltet wurde.)

Die Kindertagesstätte wurde am 15.12. 1947 eröffnet. Der Grünaer Bürgermeister Eugen Baldauf berichtete in seinen schriftlichen Erinnerungen: „Wir schufen etwas Neues... Dies hatte dementsprechend auch das Interesse aller Erziehungsverantwortlichen angezogen.“

Eine weitere Tagesstätte für die Kinder sollte im oberen Ortsteil entstehen. Der Beschluss der Gemeindevertretung wurde jedoch nicht verwirklicht, da kein so großer Bedarf wie erwartet vorhanden war. Erst Anfang und Mitte des Jahres 1952 stieg die Nachfrage. Da der dort gelegene Schießstand, auf dem bereits die sowjetische Besatzungstruppen ihre Schießübungen durchführten, auch für die Kampfgruppen der SAG Wismut und des VEB Kratos Drahtziehmaschinenwerkes genutzt werden sollte, musste der Gemeinderat bald ein neues Gebäude für die Kindertagesstätte suchen. Eine Verbindung und Ausweitung zu dem benachbarten Sommerbad war nicht möglich.

1953 wurde ein größeres und zentral gelegeneres Gebäude an der Chemnitzer Straße 93 (damals Karl-Marx-Straße) gefunden. In dem Gebäude der enteigneten Trikotagenfabrik Isolin Ziegner konnten anfangs 80 Kinder und damit weit mehr als in dem bisherigen Kindergarten untergebracht werden. Nach umfangreichen Aufräum- und Ausbauarbeiten, an denen sich 20 Eltern der Kinder sowie des DFD (Demokratischer Frauenbund Deutschlands) beteiligten, die auch zum Teil im NAW (Nationales Ausbauwerk) erfolgten, konnte der Kindergarten am 3. Mai 1953 in das neue Objekt einziehen. (Die Gebäude - Wohnhaus und Fabrikgebäude- wurden nach 2000 abgerissen. Heute steht hier das neue Kaufhaus Simmel.)


Der Kindergarten an der Karl-Marx-Straße 93 (Straßenseite)


Der Kindergarten an der Karl-Marx-Straße 93 (Gartenseite)

Mit einer kleinen Feier wurde der Kindergarten in dem neuen Heim eröffnet. Mitglieder des Gemeinderates und Gemeindeangestellte, Handwerker, Vertreter von Massenorganisationen, Einwohner von Grüna sowie die Lehrerschaft und ein Vertreter der Abteilung Volksbildung nahmen an der Veranstaltung teil. Am 1.Juni.1953 wurde in der neuen Kindertagesstätte der Internationale Kindertag begangen. Vorschulkinder, teilweise in Trachten der Volksdemokratien, gestalteten bei einem Rundgang durch das Kindergartengelände die Veranstaltung aus.

In den folgenden 10 Jahren bis zur 700-Jahrfeier unseres Ortes im Jahre 1963 konnte die Zahl der Kinder weiter auf 108 erhöht werden. Anwesend waren je nach Monat 77 bis 95 Kinder. Sie wurden von 7 Kindergärtnerinnen betreut. Der Elternbeitrag betrug pro Kind nur 2,10 Mark wöchentlich.

In einem Aufruf von 1967 an die Grünaer Bürger wird weiterhin berichtet, dass bis März des Jahres nach Beendigung der Erweiterung 20 neue Kindergartenplätze geschaffen wurden.

Die neue Kinderkrippe und der Kindergarten in den 70er Jahren

Ende der 60er Jahre erfolgten zu dem seit 20 Jahren bestehenden Kindergarten erste Versuche und Bemühungen durch den Gemeinderat, in Grüna eine Kinderkrippe zu errichten. Die Tagesstätte sollte ursprünglich in der ehemaligen Gaststätte Schönstein, Dorfstraße 110 eingerichtet werden. Eine umfangreiche Studie war dafür schon erarbeitet worden. Mit mehreren Betrieben hatte man Verträge zum Ausbau des Gebäudes sowie zur Schaffung zusätzlicher Wohnstätten abgeschlossen. Es vergingen jedoch mehrere Jahre, bis eine Finanzierung durch den Rat des Kreises Karl-Marx-Stadt erfolgte und das Objekt realisiert werden konnte.



Feierliche Eröffnung der Kinderkrippe (Kopie aus Zeitung 1972)


Ansicht der ehemaligen Abel-Villa (Foto nach 1990)

Am 29. Dezember 1972 wurde schließlich die neue Kinderkrippe eröffnet. Sie war nicht im Gebäude der Gaststätte Schönstein, sondern in der ehemaligen Villa der Gebr. Abel, Karl-Marx-Str.18, eingerichtet worden. (Die Gebrüder Abel besaßen vor dem 2.Weltkrieg einst die größte Handschuhfabrik in Grüna. Ihr Betrieb und ihre Villa wurden 1953 liquidiert, nachdem dort Jahre zuvor bereits die SAG Wismut im Betrieb eingezogen war). Man hatte sich also offensichtlich anders entschieden. Die Gründe dafür konnten bisher nicht ermittelt werden.

Ein großes Problem war, dass vorher für die in der Villa wohnenden 6 bis 7 Familien geeignete Ersatzwohnungen geschaffen werden mussten. An dem Um- und Ausbau waren mehrere Grünaer Betriebe, insbesondere der VEB Drahtziehmaschinenwerk Grüna, beteiligt. Wie beim Kindergarten erfolgte die Einweisung der Kinder durch eine Einweisungskommission.

Meist wurden nur die Kleinkinder untergebracht, deren Mütter in Betrieben arbeiteten, die sich mit Geld-, Sach- bzw. Handwerkerleistungen am Um- und Ausbau des Gebäudes beteiligt hatten. Einzelne Betriebe, wie der VEB Drahtziehmaschinenwerk, die hohe finanzielle Leistungen der Kinderkrippe zur Verfügung stellten, waren mit in der Einweisungskommission vertreten. Die Betriebe sicherten sich damit ein Anrecht auf einen oder mehrere Krippenplätze für ihre im Betrieb beschäftigten Arbeitskräfte bzw. Mütter von Kindern. Dies galt auch im Wesentlichen für die nachfolgende Zeit.

In der neuen Kinderkrippe konnten bis zu 48 kleine Erdenbürger untergebracht werden.

Anfangs waren jedoch zeitweise nur etwa 25 Kinder und Kleinkinder untergebracht, davon etwa die Hälfte zur Einschulung vorgesehene Kinder.

In den folgenden Jahren stieg der Bedarf an Kinderkrippenplätzen. Wurden 1974 etwa 10 bis 11 Kleinkindern aufgenommen, so konnten 1976 schon 18 Kleinkinder für eine Aufnahme vorgeschlagen werden. Im Jahre 1978 wurden im März 20, wenig später im Mai sogar 24 Anträge auf Aufnahmen gestellt. Die Kinderkrippe war in dem Jahr bei 48 vorhandenen Plätzen mit 54 Kindern stark überbelegt, also eine 110% Auslastung!

In den 70er Jahren stellten sich am Gebäude des Kindergartens wie auch seiner Heizungseinrichtung zunehmend Probleme ein. Das ursprünglich als Fabrik errichtete Gebäude des Kindergartens war im Verlauf der Jahre reparaturbedürftig geworden. Bereits im Jahre 1969 wurde an der Nordseite des Gebäudes im Gruppenzimmer und dem angrenzenden Zimmer Schwammbefall festgestellt.

Im Jahre 1970 mahnte man bei einer Inspektion an, dass für einen Heizungsbau und einer nachfolgenden Installation unbedingt finanzielle Mittel bereitgestellt werden müssten. Eine Erneuerung der Heizungsanlage im Wert von 135000.- Mark konnte schließlich bis 1974 vorgenommen werden.

Der Kindergarten hatte 1974 eine Kapazität von 120 Plätzen. Die Zahl der Kinder schwankte in dem Jahr je nach Monat zwischen 78 und 118.

1976 wurde der Kindergarten renoviert und mit kinderfreundlichen Möbeln ausgestattet. Es erfolgte eine Erweiterung um 18 Plätze. Die Kosten wurden mit 25000.- Mark beziffert.


Innenausstattung des Kindergartens

Ab 1978 begann man Objektbegehungen durchzuführen. Kommunale Einrichtungen, wie die Gebäude des Kindergartens und der Kinderkrippe sowie auch der Schule wurden etwa jährlich hinsichtlich ihres Bauzustandes und der Funktion ihrer Einrichtungen durch eine Gruppe von Fachleuten sowie des Gemeinderates kontrolliert, und es wurden Maßnahmen zur Beseitigung der Mängel schriftlich festgelegt.

Die Kindertagesstätten in den 80er Jahren (bis zur politischen Wende)

In den 8oer Jahren häuften sich die Probleme und notwendigen Reparaturen an den Einrichtungen des Kindergartens. Der Bedarf an Plätzen jedoch stieg weiter. Der Kindergarten musste weitergeführt werden.

1983 wurden weitere 30 Plätze für Kinder geschaffen. Dies war nur möglich, indem man die im Gebäude noch vorhandenen Wohnungen für eine Vergrößerung des Kindergartens einbezog. Der Um- und Ausbau erfolgte (nach Lösung der Wohnungsfrage) vorwiegend in Zusammenarbeit mit Grünaer Betrieben. Die neu geschaffenen Plätze wurden nur mit Kindern belegt, deren Eltern oder ein Elternteil in den am Bau beteiligten Betrieben arbeiteten. Der Kindergarten hatte ab 1986 eine Kapazität von 168 Plätzen. Die Zahl der gemeldeten Kinder war trotzdem je nach Jahr und Monat oft höher. Das war ein Grund dafür, dass sich Gemeindevertretung und –rat entschlossen, in den folgenden Jahren die Voraussetzungen zu schaffen, für alle Kinder im Vorschulalter Kindergartenplätze zur Verfügung zu stellen. Konkret sollten (in Auswertung des X. Parteitages der SED, des 8. Pädagogischen Kongresses und anderer Ereignisse) zusätzlich 30 Kindergartenplätze in Zusammenarbeit mit Grünaer Betrieben nach Lösung der Wohnungsfrage geschaffen werden. Da im Gebäude des Kindergartens in der Karl-Marx-Straße kein geeigneter Raum mehr vorhanden war, wurden die neuen Plätze in das Schulgebäude, August-Bebel-Straße, integriert. In einem Formblatt für statistische Zwecke werden für 19879/1990 168 vorhandene Plätze im Kindergarten und 20 bzw. 40 weitere Plätze im Schulgebäude genannt. Die Kinder wurden von durchschnittlich 16 Kindergärtnerinnen betreut. Hinzu kamen noch 6 technische bzw. auf sonstigem Gebiet tätige Mitarbeiter.

Auch in der Kinderkrippe blieb der Bedarf an Plätzen in den 80er Jahren weiterhin hoch. So wurden für 1981/82 insgesamt 42 Anträge von werktätigen Frauen aus Grünaer Betrieben gestellt. 1988 waren in der Kinderkrippe 17 pädagogische Arbeitskräfte (16 weibl./1 männl.) beschäftigt. 48 Kindern wurden noch bis zur politischen Wende 1989/90 betreut. Die Kapazität der Kinderkrippe betrug über 50 Kinder.

Viele der zahlenmäßigen Angaben sind nicht eindeutig belegbar, da in den Dokumenten unterschiedliche Zahlen zu finden sind.

Die Ereignisse der politischen Wende 1989/90 und die nachfolgende Vereinigung Deutschlands führten in den sozialen Einrichtungen der Gemeinden zum Teil zu grundlegenden Veränderungen, die auch die Kindereinrichtungen betrafen. Diesen Veränderungen und der weiteren Entwicklung wird zu einem späteren Zeitpunkt ein zweiter Beitrag gewidmet werden.

Quellen:

Verschiedene Akten aus dem Stadtarchiv Chemnitz, Grüna betreffend, Ablieferungsverzeichnis Nr. 56 und 410

Dokumente des Ortsarchivs: u.a.

  • Erinnerungen von Bürgermeister Baldauf 1945 bis 1954
  • Entwicklung in Grüna von 1961-65
  • Gemeindebericht 1953

Freie Presse Karl-Marx-Stadt vom Jan. 1973

Dieser Artikel stammt aus dem Ortschaftsanzeiger Grüna / Mittelbach August 2022

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