Autor: Christoph Ehrhardt
Bis in die 1990er Jahre gab es in Grüna immer ein Kino, das zu Beginn der Entwicklung wie auch später im kulturellen Leben unseres Ortes eine bedeutsame Rolle spielte. Mit dem Beitrag „Als in Grüna die Bilder laufen lernten“ im Heft 6/2024 des Ortschaftsanzeigers Grüna-Mittelbach wurde der Beginn der Kinematographie in Grüna im Jahr 1918 vermutet. Nun konnten neue aussagekräftige Quellen erschlossen werden, die auf eine noch frühere Geschichte verweisen, was es erforderlich macht, die Ausführungen vollkommen neu abzufassen. Dem ist dieser vorliegende Beitrag gewidmet, ergänzend zu dem auf Heft 6/2024.
Es ist beabsichtigt, die Geschichte der Grünaer Kinos mit einem weiteren Betrag im Ortschaftsanzeiger fortzusetzen: mit dem Geschehen zur Zeit der Einführung des Tonfilmes (1932), in der NS-Zeit (30er/ 40er Jahre) und der DDR-Zeit (50er bis 70er Jahre), vorausgesetzt, dass genügend aussagekräftige Quellen gefunden werden.
In dem ersten Beitrag über die Einführung der Kinematographie in Grüna wurde berichtet, dass gegen Ende des 1. Weltkrieges 1918 die ersten Filme in dem sogenannten Helios-Kino an der Eisenbahnhaltestelle im unteren Ortsteil Grüna von Gustav Weitmüller vorgeführt wurden. Es waren damals noch Stummfilme, die meist aus einem Drama oder Lustspiel sowie einem Beiprogramm bestanden, zu denen Musik gespielt und rezitiert wurde. Die Beiprogramme bestanden aus einer Reihe kurzer Filme und waren meist ausländischen Ursprungs. Unter ihnen waren auch Filme mit belehrenden und bildenden Inhaltes.
Aus den neu erschlossenen Akten des Stadtarchivs Chemnitz wie auch des Staatsarchivs Chemnitz ist jedoch zu entnehmen, dass die kinematographischen Vorführungen in Grüna nicht erst im Jahre 1918, sondern schon mehrere Jahre vorher begannen. Als erster Filmvorführer in Grüna wird Franz Max Kämpfe genannt. Er kam im Mai 1910 aus Oschatz und wollte ursprünglich etwa Mitte des Jahres auf dem damaligen Schützen- und Turnplatz im unteren Ortsteil ein provisorisches Gebäude für seine kinematographischen Vorführungen errichten lassen. Nachdem er bereits die Genehmigungen von der Amtshauptmannschaft Chemnitz und dem Gemeindevorstand Grüna hatte, entschloss er sich, den Kinematograph im kleinen Saal des benachbarten Gasthauses Heyde auf der Chemnitzer Str. 46 (heute KiG – Kulturhaus in Grüna) aufzustellen.

Gasthof Grüna, Besitzer Franz Heyde, ca. 1910

Vorher musste er zunächst einen Kostenvorschuss von 60 Mark an den Gemeindevorstand in Grüna entrichten. Danach erfolgte die Prüfung der Filme durch den Schutzmann Haupt. Die Bilder sollten in politischer, sittlicher und religiöser Hinsicht keinen Anlass zu Bedenken geben. Es mussten auch die Bestimmungen der Ministerialverordnung vom 24. Nov. 1906 über die Veranstaltungen öffentlicher kinematographischer Vorführungen eingehalten werden [1].
In den folgenden Monaten Juli/August 1910 wurden im Gasthaus Heyde die ersten Filmveranstaltungen von Max Kämpfe durchgeführt, meist im Zyklus von 3 Tagen.

Filmprogramm von Juni1910, vorgeführt von Max Kämpfe (C0127/S246, Bl. 11)
Die Filmvorführungen währten jedoch nicht lange. Mit den Veranstaltungen wurden weitere finanzielle Abgaben von Kämpfe verlangt. So sollten von ihm eine Vergnügungssteuer von 1 Mark/Tag wie auch ein Beitrag an die Armenkasse entrichtet werden. Kämpfe berichtete dem Gemeindevorstand, dass er dies nicht erbringen kann. Vermutlich waren ihm auch die Kosten für die Herstellung gedruckter Programme zu hoch. Im Nachlass von Franz Kämpfe befanden sich nur einige wenige gedruckte Programme für die Veranstaltungen im Juli August 1910. Alle Programme zu nachfolgenden Veranstaltungen waren nur handschriftlich geschrieben. Auch war sein Name als Filmvorführer nicht auf den wenigen gedruckten Programmen zu finden.

Von Kämpfe handgeschriebenes Filmprogramm, 1910 (C0127/S246 , Bl. 14)
Aufgrund der finanziellen Forderungen und Ausgaben führte er keine Filmveranstaltungen mehr durch. Er verkaufte noch im Oktober 1910 seine kinematographische Einrichtung an einen Chemnitzer Bürger, der diese jedoch zunächst nicht weiter nutzte [2].
Zu dieser Zeit wohnte in Hohenstein-Ernstthal auf der Dresdener Straße 24 der Kartonagenfabrikant Gustav Weitmüller, der die Absicht hatte, sich mit dem Film- und Kinobetrieb zu beschäftigen. Als er von dem Filmvorführgerät erfuhr, kaufte er es noch im gleichen Jahr und begann intensiv mit den Filmvorbereitungen [3]. In Weitmüllers Aufzeichnungen steht, dass er „beabsichtigte, bald nach Grüna zu ziehen, um dort ein größeres Kino zu errichten, das allen Anforderungen der Neuzeit gerecht wird“. Er nutzte wie bereits vorher Kämpfe zunächst das Gasthaus Heyde für seine Vorführungen und ließ dort 2 größere Plakate aufstellen [4]. Zu Weihnachten 1910 fand schon die Eröffnungsvorstellung statt.

Weitmüllers Eröffnungsveranstaltung, Weihnachten 1910 (C0127/S246, Bl. 16)
In den weiteren Jahren folgten viele Veranstaltungen.

Beispiel eines Filmplakates, 1911 (C0127/S246, Bl. 55)
2 Jahre später erwarb Weitmüller die ehemaligen Turnhallen- und Geräteschuppengebäude des unteren Grünaer Turnvereins, die er umbauen ließ, um sie für seine Filmarbeit zu nutzen [6]. Bei dem Schützenplatz handelt es sich um ein Gelände, das damals gemeinsam auch für den unteren Turnverein Grüna als Turnplatz genutzt wurde. Die alten Turnhallengebäude wurden nicht mehr benötigt, da sich in Grüna der untere und obere Turnverein zusammengeschlossen hatten und für beide Turnvereine eine größere Turnhalle errichtet worden war. 1912 eröffnete er dort sein neuerrichtetes Kino.

Seit 1912 Weitmüllers neues Kino

Eröffnungsprogramm im neuen Kino (C0127/S246, Bl. 99)
In den kommenden Jahren führte er weiter ununterbrochen Kinoveranstaltungen in Grüna durch. 1913 trat er in den neugebildeten Verein der Kinematographen-Besitzer von Chemnitz und Umgebung ein, der damals etwa 20 Mitglieder umfasste [7].
Auch im 1.Weltkrieg von 1914 bis 1918 fanden ständig Kinoveranstaltungen unter Weitmüllers Namen statt. Er selbst wurde jedoch von Anfang an zum Kriegsdienst eingezogen. Auf den Veranstaltungsprogrammen stand deshalb, dass er „zeitweise im Felde war“. Er hatte die Vorführtätigkeit aber so gut organisiert, dass die Veranstaltungen durch seine Frau weiter geführt werden konnten [5].
Nach Ausbruch des Krieges verschwanden vielfach die Beiprogramme aus den Lichtspielhäusern, die meist aus dem Ausland importiert wurden [5]. Anstelle dieser Filme führten die Kinobesitzern oft ein zweites Lustspiel oder Drama vor. Um dies zu verhindern, wurde Mitte 1917 eine neue Verordnung in Kraft gesetzt, die die Kinobesitzer zwingen sollte, ein von der deutschen Lichtbildgesellschaft E.V., Berlin wöchentlich erarbeitetes Beiprogramm zu zeigen. Dieses enthielt Informationen über Deutschlands kulturelle und industrielle Errungenschaften, sein Wirtschafts- und Verkehrswesen sowie landschaftliche Schönheiten. Damit sollte auch erreicht werden, dass die Lichtspielhäuser nicht einseitig der Vergnügungssucht dienen, sondern in ihren Programmen auch Informationen zur Bildung, Belehrung, staatsbürgerlichen Erziehung u.a. enthalten [6]. Die Veranstaltungsprogramme wurden in den Kriegsjahren zeitweise durch Filmstücke über die aktuellen Kriegsereignisse ergänzt. Sie unterlagen der Zensur des Sächsischen Ministeriums des Inneren bzw. des späteren Kriegsministeriums [8].

Filmprogramm-Beispiel während des ersten Weltkrieges (Weitmüller als „z. Zt. i. Felde“) (C0127/S246 , Teil II, S. 152f)
Im letzten Kriegsjahr 1918 verliert sich die Spur von Weitmüller. Obwohl sein Name weiterhin noch auf den Programmen zu finden ist, bleiben sein Ende bzw. seine weitere Tätigkeit unklar. Eine Todes- oder Vermisstenanzeige ist nicht zu finden. In Erinnerung bleiben jedoch die vielen Programme zu den Veranstaltungen in Grüna, die aus dieser Zeit noch erhalten sind –nahezu 200 Stück! Man kann mit Recht feststellen, dass Weitmüller das kulturelle Leben der damaligen Zeit in Grüna mitgestaltete und bestimmte.
Im März 1918 schließlich berichtete man, dass die Kinovorführungen amtlich einem Herrn Johannes Hoppe übertragen wurden [8].
Hier schließt sich in der Chronologie der Beitrag aus dem Heft 6/2024, S.28-29, an, den interessierte Leser im Archiv der bisherigen Hefte unter www.gruena-online.de finden können.
Quellen:
C0127/S246 = Abk. für: Stadtarchiv Chemnitz, C 0127, Gemeinde Grüna, Sign. 246, Kinematograph Gustav Weitmüller, 1910 – 18
Dieser Artikel stammt aus dem Ortschaftsanzeiger Grüna / Mittelbach Dezember 2025