Von der Oberen Bahnlinie zum „Premium-Radweg“

Die erste dampfbetriebene Eisenbahnstrecke in Deutschland wurde 1835 zwischen Nürnberg und Fürth in Betrieb genommen. Bis 1839 entstand die erste deutsche Ferneisenbahn zwischen Leipzig und Dresden als Teil eines deutschlandweiten Streckenplanes. Der Eisenbahnbau zwischen Chemnitz und Zwickau wurde 1855 von Chemnitz aus begonnen.
Am 15. November 1858 wurde diese „Niedererzgebirgische Bahn“, die Untere Bahnlinie, mit dem Haltepunkt Grüna eröffnet. Dies war für die weitere Entwicklung von Handel, Gewerbe und Verkehr der Region von grundlegender Bedeutung. Anfangs befuhren fünf Personenzüge täglich in beiden Richtungen die Strecke.
1874 gab es in Grüna noch 13 Wege, die von der Eisenbahn durchschnitten wurden. Die Mittelbacher Straße war von Anfang an eine Straßenunterführung, während Benutzer der Chemnitzer Straße am Ortsausgang nach Reichenbrand die Gleise queren mussten. Erst 1904/1905 wurde die inzwischen verbreiterte Chemnitzer Straße mit einem Bogen als Brücke über die Bahn geführt. Wegen der Elektrifizierung der Bahnstrecke ab 1964 musste diese Brücke neu gebaut werden.
Bis in die 1970er Jahre gab es an der Hauptstrecke noch sieben beschrankte Bahnübergänge in Grüna: am Friedhof, an der Karlstraße, am Schreiterschen Holzsägewerk (hinter der jetzigen Volksbank), am Rathaus, an der Kurzen Straße, der alten Sandgrube und am oberen Gasthof. Mit Fertigstellung der Fußgängerbrücke (am heutigen Simmel-Markt) im November 1979, über die Eisenbahnlinie zum Schachtweg, wurden alle bis dato noch vorhandenen Eisenbahnübergänge geschlossen.
Alle diese Ausführungen betrafen die Haupt-Eisenbahnstrecke durch Grüna. Nun zur „oberen Bahnlinie“.
1894 entstand der Plan, mit zunehmender Industrialisierung und im dichter werdenden Eisenbahnnetz auch eine Linie für den Personen- und Güterverkehr von Limbach nach Wüstenbrand mit Verbindung zum Lugau-Oelsnitzer Kohlerevier zu schaffen. Der Bahnhof der Gemeinde Grüna für diese neue Strecke wurde auf dem „Nitzsche-Grundstück“ gebaut, wohin dann eine neue Verbindungsstraße führte – die spätere Bahnhofstraße, heute August-Bebel-Straße.
1897 wurde die Eisenbahnlinie eröffnet, und schon 1901 bis 1903 folgte ab „Abzweigstelle Schützenhaus“ (in der Nähe des heutigen „Altenheims am Wald“, im Bild ganz oben) der Bau der rund zwölf Kilometer langen „Industriebahn“, einer für den Güterverkehr bestimmten Strecke über Rottluff und Altendorf zum vorhandenen Bahnnetz in Chemnitz-Küchwald. Am „Bahnhof Obergrüna“ konnten die Textil- und Metallfabriken ihre Waren und Industriegüter verladen, darunter auch die riesigen Drahtziehmaschinen der Kratos-Werke. Der größte Textilveredlungsbetrieb im Ort, die Reichel-Bleiche, erhielt 1916 ein eigenes Anschlussgleis.
1950 verlor der Obere Bahnhof an Bedeutung, da die Strecke Wüstenbrand – Limbach eingestellt und die Gleise abgebaut wurden. Die obere Bahnlinie diente nur noch als Ausweichstrecke nach Chemnitz. 1990 wurde der Güterverkehr ganz eingestellt.
In Deutschland gab es bereits viele Beispiele, aus einer stillgelegten Bahnstrecke einen Rad- und Freizeitweg zu machen. 2006 wurde die Bahnlinie Küchwald – Wüstenbrand in den Verkehrsentwicklungsplan der Stadt Chemnitz aufgenommen, auch wegen überregionaler Bedeutung für das Sächsische Radroutennetz. Doch die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam, und das Geld wird immer für etwas Wichtigeres gebraucht. 2007 forderte der Ortschaftsrat Grüna die Erstellung einer Studie einschließlich Kostenermittlung, welche 2009 vorlag. 2017 kaufte die Stadt Chemnitz die Bahngrundstücke, 2022 begann der Bau von Altendorf nach Rabenstein. Im Juni 2023 waren die ersten vier von insgesamt 13 Kilometern fertig – Ende offen.
Zur Erinnerung: Der Bau der Eisenbahnlinie dauerte von 1894 bis 1897.