Annastift – das erste Volksbad in Grüna (ca1896)

Aus der Geschichte unserer Ortschaften

Annastift – das erste Volksbad in Grüna (ca. 1896)

Von Christoph Ehrhardt

Etwas oberhalb der Stelle, wo der Wiesenbach die Mittelbacher Straße kreuzt, befand sich eine Reihe von Teichen. Der größte der Teiche, der Wiesenteich, speiste das Wasser der Wiesenmühle. Dort wurde 1926, also vor genau 100 Jahren das Grünaer Sommerbad errichtet, eines der größten in Sachsen, das noch bis in die 1990er Jahre in Betrieb war. Danach wurde der Bereich mit einer meterhohen Erdschicht bedeckt, die heute als Lagerfläche von Getränkegroßhändlern dient und auf der Veranstaltungen wie die jährliche Grünaer Kirmes stattfinden.

Aber bereits ca. 30 Jahre vorher begann an gleicher Stelle der Badebetrieb des sogenannten Volksbades „Annastift“. Diese Badeanstalt blieb noch bis Anfang der 20er Jahre bestehen. Vor 130 Jahren waren zwar die Verträge für diese Badeanstalt geschlossen, ob aber in diesem Jahr auch der Badebetrieb begann, ist nicht mehr sicher feststellbar.

Der vorliegende Beitrag ist dem früheren Volksbad „Annastift“ gewidmet. Ein späterer Beitrag im Ortschaftanzeiger wird dann die Geschichte des Grünaer Sommerbades beinhalten.

Schaut man auf einen alten Ortsplan von Grüna aus dem 19. Jahrhundert, findet man eine Vielzahl von Teichen, die an den Bach- und Wasserläufen angelegt wurden. Grüna war naturgemäß mit einem ausgiebigen Wasserreichtum ausgestattet. Die Teiche dienten vor allem der Ernährung der Bevölkerung im Ort, die sich in den vergangenen Jahrhunderten ständig vergrößerte.

Ausschnitt einer Karte von Grüna (ca. 1900). Die Insel im Wiesenmühlenteich ist abgebildet.

Etwa ab Mitte des 19. Jahrhundert kamen mit der zunehmenden Nutzung des Wassers im Gesundheits- und Heilwesen erste Gedanken auf, öffentliche Badeteiche und -anstalten errichten zu lassen. Noch um 1895 gab es in den meisten hiesigen Gemeinden kaum öffentliche Badeanstalten, und dort, wo sie bereits bestanden, waren sie so gestaltet, dass sie in mehrfacher Hinsicht zu wünschen übrigließen. Die übergeordnete königliche Amtshauptmannschaft (AHM) in Chemnitz veranlasste deshalb in einem Schreiben vom 8.11. 1895 an die Gemeindevertretungen in den umliegenden Orten, die Schaffung solcher Einrichtungen in Erwägung zu ziehen oder geeignete Vorkehrungen dafür zu treffen. Sie verwies auf die Wichtigkeit des Badens für die Gesundheitspflege, deren Förderung auch Sache der Gemeinden wäre. Es sollten zunächst geeignete Badeplätze ausgesucht werden. Weiterhin führte die AHM aus, dass es auch zu den polizeilichen Aufgaben der Ortsbehörden gehört, dafür zu sorgen, den Anforderungen der öffentlichen Sicherheit und Sittlichkeit Rechnung zu tragen. Die Gemeindevertretungen in der Umgebung wurden angewiesen, der AHM mitzuteilen, was bis Mitte März 1896 zur Ausfüllung dieser Aufgaben geschehen ist.

Nach Ablauf der gestellten Frist bis Mitte April 1896 konnte jedoch die Gemeinde Grüna der AHM nur berichten – wie auch viele andere Kommunen – dass sie dazu einen Beschluss gefasst hat. In Grüna gab es außer vielen kleineren Teichen 4 bis 5 größere, die dazu geeignet wären. Die Gemeinde Grüna berichtete der AHM, dass im Ort tatsächlich ein Bedürfnis zu einer Badeanstalt vorliegt, aber sich bisher kein Teichbesitzer fand, der bereit war, einen Teich dafür anzulegen bzw. zu nutzen. Alle Teiche wären mit Fischen belegt, die bei einer Verunreinigung des Wassers mit Seife sterben würden. Auch sei das fließende Wasser im Ort hierseits so unbedeutend und zu schwach.

Bei der Anlegung einer künftigen Badeanstalt ging es vermutlich auch um die dabei entstehenden Kosten. Der damalige Ortsvorsteher Claus nahm mit dem Besitzer der damals neu errichteten Naturheilanstalt Bertrand Stahringer Verbindung auf, die seit ihrer Eröffnung im Jahr 1893 wirtschaftlich gut lief und hohe Steuereinnahmen der Gemeinde brachte. In einem Gespräch mit dem Naturheilarzt ging es darum, „ob ein billiges Volksbad in Grüna einzurichten wäre“.

Ostufer des Wiesenmühlenteich an der Mittelbacher Straße, rechts das ehemalige Schützenhaus (ab 1897)

Mitte Mai 1896 schließlich meldete sich der Besitzer des Wiesenmühlenteiches Schaarschmidt im unteren Ortsteil Grüna und teilte der Gemeinde mit, „dass er nicht abgeneigt sei, gegen eine bestimmte Pacht ein Volksbad in seinem Teich errichten zu lassen.... Er würde ca. 100.- M jährliche Pacht beanspruchen. Den Kartenverkauf würde er bloß informiert übernehmen.“ Der Wiesenmühlenteich war ein großer, vom Wiesenbach durchflossener, stark verschlammter Teich, in dessen Mitte sich eine von Gesträuch bewachsene Insel befand. Er hatte noch bis 1922 eine Größe von 1ha und 18,9ar (11890 qm).

Der Wiesenmühlenteich mit Blick auf die stark bewachsene Insel

Der Gemeindevorstand griff das Angebot sofort auf. Man bildete eine Kommission (vermutlich zu dessen Beurteilung) und arbeitete einen Kostenanschlag aus.

Bereits am 27.7. 1896 konnte die Gemeinde der AHM berichten, dass „ein Badeplatz bestimmt worden ist und ein Badehaus seiner Vollendung entgegen geht.“

Eine der Bekanntmachungen über die Saisonöffnung 1897 der Badeanstalt aus dem Wochenblatt für Grüna, Reichenbrand, Mittelbach und Pleißa vom 2. Juni 1897

Von der Stadt Limbach, die bereits eine Badeanstalt besaß, ließ man sich eine Badeordnung zukommen (nachfolgend im damaligen Wortlaut wiedergegeben).

Badeordnung für das Volksbad „Annastift“ in Grüna

§1

Dieses Volksbad kann von Männern und Frauen, sowie von Knaben und Mädchen, letztere, wenn sie das Alter von 12 Jahren erreicht haben, benutzt werden. Jüngeren Kindern ist dies nur in Begleitung ihrer Eltern gestattet.

§2

Das Bad ist geöffnet für Männer und Knaben: Montags, Mittwochs, Donnerstags und Sonnabends von 4 bis 9 Uhr nachmittags, sowie Sonntags von 6 bis 12 Uhr vormittags. Für Frauen und Mädchen: nur Dienstags und Freitags von 4 bis 9 Uhr nachmittags.

§3

Das Baden wird bis auf Weiteres unentgeltlich gestattet, nur sind für Leihung von Badehosen oder Handtücher je 5 Pfg. an den Bademeister zu entrichten.

§4

Das Baden wird nur in Badekleidern gestattet.

§5

Es dürfen nur diejenigen Personen frei schwimmen, die sich im Besitze eines Schwimmzeichens befinden. Zum Anlegen des Freischwimmzeichens sind nur diejenigen berechtigt, welche eine vom Bademeister abgenommene Schwimmprobe bestanden haben. Wer sein Zeichen verliert, hat sich ein anderes zu kaufen. Dieselben werden vom Bademeister zum Selbstkostenpreis abgegeben.

§6

Der Badende hat sich nicht nur, sobald er entkleidet ist, sich in das Wasser zu begeben, sondern hat sich auch, sobald er das Bad vollendet hat, wieder anzukleiden und die Anstalt zu verlassen.

§7

Die Erwachsenen wie die Kinder, haben sich in den für sie bestimmten getrennt gehaltenen Räumen aufzuhalten, und nur dort aus- und anzukleiden.

§8

Sofern ein Besucher die Einrichtung des Bades beschädigt, ist dem Gemeindevorstande zu Grüna Anzeige hiervon zu erstatten, infolge deren der Betroffene zu Bestrafung beziehentlich zur Erstattung der Reparaturkosten herangezogen wird.

§9

Jede in der Anstalt anwesende Person hat sich ruhig und anständig zu verhalten, sowie den Anweisungen des Bademeisters nach allen Richtungen hin nachzukommen, andernfalls ist sie, sofern dem Verbot des Bademeisters nicht Folge geleistet wird, von denselben aus der Anstalt zu entfernen, bez. zur Anzeige zu bringen.

§10

Der an dem Badehause angebrachte Rettungsring darf nur bei vorkommenden Unglücksfällen und vom Bademeister benutzt werden.

Anfang August 1896 war auch das Badehaus fertiggestellt worden. Damit konnte die erste Badeanstalt in Grüna eröffnet werden. Vorher mussten noch Verträge mit dem Teichbesitzer Schaarschmidt und dem Gastwirt Höppner abgeschlossen werden-

Im ersteren Vertrag musste sich Schaarschmidt für sich und alle möglichen Besitznachfolger verpflichten, ab dem 1. August 1896 für 5 hintereinander folgende Jahre der Gemeinde Grüna seinen Teich für Badezwecke teilweise zur Benutzung zu überlassen, Die Gemeinde zahlte dem Besitzer dagegen eine jährliche Entschädigung von 80.- Mark.

In einem zweiten Vertrag musste sich der Gastwirt Höppner für sich und seine Besitznachfolger verpflichten, auf 5 hintereinander folgende Jahre, und zwar bis 1. August 1901, der Gemeinde Grüna zu gestatten, einen nach der Badeanstalt führenden 1½ m breiten Fußgang anzulegen und zu benutzen. Die Gemeinde dagegen verpflichtete sich, denselben gehörig einzufrieden, dafür Sorge zu tragen, dass die anderweitigen Höppnerschen Grundstücke nicht betreten werden können, gegen eine jährliche Entschädigung von 20.- Mark. Höppner war 1896 der Gastwirt des damaligen Gasthofes Grüna in der Chemnitzer Straße (heute Kulturhaus in Grüna – KiG).

Obwohl das Volksbad bereits 1896 fertiggestellt war, erfolgte die Eröffnung vermutlich erst später. Der Badeteich war nur zum Teil entschlammt worden. Kurzzeitig musste das Bad nochmals geschlossen werden, da man im Kinderteil des Bades zu viel Schlamm vorfand.

Das Volksbad hatte nur auf der Nordseite einen Einstieg für die Badenden und war nicht wie viele der späteren Bäder von einer Betonmauer ganz umfasst. Am Anfang war Robert Schulze Bademeister. Später hatten Ernst Demmler und Herr Schüßler die Aufsicht über das Geschehen im Bad.

Das 1896 errichtete Badehaus „Annastift“ mit der Einstiegsstelle für Badende am Nordufer des Wiesenmühlenteich (das dahinter liegende Drahtziehmaschinenwerk Kratos wurde erst später errichtet)

Nach jeweils 5 Jahren mussten die Verträge mit Schaarschmidt und Höppner verlängert werden. Auf dem Badeteich konnte auch gegondelt werden (siehe Bild weiter oben). Dies mag auf die finanzielle Hilfe von Bertrand Stahringer zurückzuführen sein. Als Naturheilarzt war er an der Nutzung des Bades und insbesondere des Gondelbetriebes für seine Kurgäste interessiert.

Mitteilung über die von Bertrand Stahringer gegründete „Anna-Stiftung“

Das Bad war bis in die anfänglichen 1920er Jahre in Betrieb

Quelle: Stadtarchiv Chemnitz, Bestand Grüna, Nr. 478

Dieser Artikel stammt aus dem Ortschaftsanzeiger Grüna / Mittelbach Juli 2026

gruena-online.de

Der Heimatverein Grüna e.V. betreibt diese Internetseite, um unserem Ortsteil Grüna eine gewisse Eigenständigkeit zu erhalten.

Heimatverein Grüna e.V.

Die Arbeit des Heimatvereins ist sehr vielseitig.
Interesse an einer Mitarbeit?
Bitte treten Sie mit uns in Kontakt!

REDAXO 5 rocks!