Eine Villa mit wechselvoller Geschichte wurde 100 Jahre alt

Eine Villa mit wechselvoller Geschichte wurde 100 Jahre alt

Von Christoph Ehrhardt und Ulrich Semmler

Fährt man von Chemnitz kommend durch Grüna, so fällt am Ortseingang eine Villa mit einem parkähnlichen Grundstück auf, zur Straße durch eine Mauer getrennt, die aber den Blick auf Villa und Park freilässt. Und man sieht eine grün oxidierte mannsgroße Statue aus Bronze. Bekannt ist das Haus als „Abel-Villa“. Ihr heutiger Besitzer Thomas Baumann hat das Anwesen 2021 erworben. In den übergebenen Bauunterlagen fand er eine sogenannte Baufertigstellungs-Anzeige, datiert auf den 19.8.1926. Und das war der Grund, dass sich Herr Baumann an den Heimatverein Grüna wandte mit der Bitte, nähere Informationen zu seiner Villa zu erhalten. Wir sind gern der Bitte nachgekommen und haben uns mit Herrn Baumann in seiner Villa verabredet. Und auch unsere Hoffnung, dadurch für unser Grünaer Archiv zusätzlich Information und Material zu erhalten, hat sich erfüllt.

Die Brüder Karl und Ernst Abel gründeten 1900 die Gebrüder Abel KG Handschuhfabrik. Das Firmengelände befand sich zwischen der Chemnitzer Straße und der Eisenbahn, heute eine leere Fläche, nachdem die Gebäude dort in den 90er Jahren abgerissen wurden. Die Firma Abel entwickelte sich nach ihrer Gründung schnell zur größten Grünaer Handschuhfabrik. 1925 sandten die Grünaer Gemeindeverordneten den Brüdern Abel Glückwünsche zum 25-jährigem Firmenjubiläum, das aber - wie es in einem Antwortschreiben der Abels heißt - „wegen der schwierigen Zeiten“ (die Hyperinflation mit Höhepunkt 1923 war noch nicht lange vorüber) nicht groß gefeiert wurde,. Aber so schlecht konnte es der Firma nicht gegangen sein, denn 1925 begann man mit dem Bau der Villa, die nach nur 1 ½ Jahren Bauzeit am 19.8.1926 fertiggestellt wurde – eine heute unvorstellbare Bauzeit, heute hätte man nach 1 ½ Jahren möglicherweise noch nicht einmal eine Baugenehmigung.

Wilhelm Abel beauftragte als Bauleiter Willy Ahnert, Akademischer Architekt aus Chemnitz. In den Bauunterlagen von 1925/26 sind die Angebote und Aufträge für die einzelnen Gewerke enthalten, inkl. der damaligen Kosten. So erfolgten die Mauerarbeiten von der Baufirma Max Bernhardt Grüna zu ca. 16500 Mark, das Baumaterial wurde beigestellt. Alle Bauarbeiten wurden mit zeitlichem Hochdruck eingefordert, Bernhardt musste 8 zusätzliche Mauer einstellen, erhielt im Gegenzug für die Arbeiten eine Zusicherung eines um 10 Pfennig erhöhten Arbeitslohns für seine Arbeiter, gleichzeitig aber eine angedrohte Strafe von 50 Mark für jeden Tag Bauverzögerung. Weitere Angebote und Rechnungen betreffen z.B. die Elektroarbeiten, Tore und Fenster, Blitzschutz, Gartengestaltung, Steinmetzarbeiten, Stuckarbeiten, Parkett, Treppen, Schlosserarbeiten, Granitsteine und Muschelkalkstein-Verkleidung. Mit Erdarbeiten wurde die Mittelbacher Firma Bruno Scheller beauftragt. Die Dachdeckung erfolgte durch die Fa. Emil Weiß, die Malerarbeiten durch Emil Müller, die Klempnerarbeiten schließlich durch Klempnermeister Willy May, alles Grünaer Firmen.

Und interessant ist auch, dass Wilhelm Abel für die Erweiterung des Fußweges auf der Chemnitzer Straße einen Streifen seines Grundstückes an die Gemeinde Grüna unentgeltlich abtreten musste, wobei im Gegenzug die Kosten für den Fußwegebau von der Gemeinde übernommen wurden. Eine dem damaligen Stand entsprechend höchstmoderne biologische Kläranlage System Richter mit Ableitung in den Unritzbach wurde gebaut und in Betrieb genommen.

Weiter zur Geschichte der Firma Brüder Abel: 1942 musste die Firma ihre Produktion einstellen, da durch das NS-Regime die Lieferung von Kunstseide sowie Baumwoll- und Strickgarnen storniert wurde. Nach dem Ende des Krieges 1945 wurden die Firmen und Wohngebäude, also auch die Villa, zuerst von den Amerikanern, anschließend von den Sowjets besetzt. Die Produktion lief wieder auf bescheidenem Maßstab an, noch unter Leitung der Söhne der mittlerweile verstorbenen Firmengründer. Aber bis 1953 verließen alle Familienangehörige die sowjetische Besatzungszone bzw. die DDR. 1953 ging die inzwischen von 6 wahrscheinlich ausgebombten oder vertriebenen Familien bewohnte Villa in Eigentum der DDR über. Die Gebäude gegenüber wurden Teil der Wirkwarenfabrik Vinora aus Wüstenbrand. Später zog dort dann die Wismut-AG ein. Und nach der Wende wurde alles abgerissen.

1970 suchte man in Grüna nach einem geeigneten Gebäude für die Kinderkrippe. Als beste und preiswerteste Variante wurde das Gebäude der Abel-Villa ausgewählt. Mit Unterstützung durch Grünaer Betriebe, die sich Krippenplätze für die Kleinkinder ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen erhofften. Der Umbau der Villa zur Kinderkrippe begann. Für die Familien, die in der Villa Wohnraum gefunden hatten, erfolgte der Bau eines Wohnhauses in der Wehrgasse 1. Drei Familien zogen dorthin, drei blieben vorerst im Dachgeschoss der Villa wohnen und zogen denn später aus. Im Dezember 1972 erfolgte dann die Eröffnung der Kinderkrippe. Und sie blieb mit durchschnittlich 40 bis 50 Kleinkindern bis 1992 bestehen. Viele Eltern der dort untergebrachten Kleinkinder werden sich noch an das „herrschaftliche“ Interior der Villa erinnern. Auf einem der Bilder ist die massive Holztreppe zu erkennen (Dank an die ehemalige Leiterin der Krippe, Frau Seydel, und an Richard Aurich für die Bilder).

 

Nachdem die Krippe 1992 in den Kindergarten Grüna ziehen musste, kaufte die Firma K.W. Nitzsche & O.E. Weiß die Villa, zahlte die Entschädigungen an die in Westdeutschland lebenden Abel-Erben und baute das Haus als Wohnhaus für die beiden Familien Nitzsche und Weiß innen in großem Maßstab und mit höchstem Komfort um. Die in der Krippenzeit erhalten gebliebene holzvertäfelte Eingangshalle samt massiver Treppe wich einem neuen Zugang, getrennt für die beiden Wohnungen. Die Säule der Treppe krönte oben ein Pfau aus Meißner Porzellan, der vorerst erhalten blieb. Der Zweckanbau hinten, der für die Krippe als Küche, Speiseraum und Heizhaus diente und – den bescheidenen Mitteln der DDR entsprechend – mangelhaft und mit minderen Materialien ausgeführt war, wurde abgerissen und durch einen Freizeitbau mit Schwimmbad ersetzt. Weitere bauliche Veränderungen in der denkmalgeschützten Außengestalt der Villa fanden nicht statt. Die einsturzgefährdete Mauer an der Chemnitzer Straße wurde komplett neu aufgebaut, höher als ursprünglich, so dass die Höhe wegen Einspruchs des Denkmalschutzes wieder reduziert werden musste, so dass der Blick von der Straße auf Villa, Park und Statue wieder möglich wurde.

Wie allgemein bekannt, ging die Firma Nitzsche & Weiß nach 2005 in Konkurs. Das Gebäude bewohnte zunächst und kaufte dann Markus Fugel. Später kaufte es der Immobilienunternehmer Oliver Kreider, der es aber kaum bewohnte und deshalb 2018 zum Verkauf anbot. Thomas Baumann erhielt den Zuschlag und bewohnt die Villa seit 2021. Herr Baumann stammt aus Kirchberg bei Zwickau, wurde als ehemaliger technischer Fertigungsleiter des Vorgängerbetriebs durch Management Buy-out Geschäftsführer der ZSB Zwickauer Sonderstahlbau GmbH, die sich seither sehr erfolgreich europaweit bei Stahlgroßbauten entwickelt.

Herr Baumann führte keine größeren Bauarbeiten an der Villa durch (und brauchte es auch nicht, so gut war der Zustand). Lediglich für eine Effektivierung der Heizung von Wohn- und Freizeitbereich erfolgte eine moderne Dreifach-Verglasung der Fenster und der Einbau eines Block-Heizkraftwerkes. Und seine Initialen „T B“ ließ Herr Baumann über der Eingangstür von einem Steinmetzen einmeißeln.

Neben dem denkmalgerechten unveränderten Außenbild der 100 Jahre alten Villa ist die zur Straße vor dem Erker stehende Statue des Bogenschützen von historischer Bedeutung.

Das ursprüngliche Modell stammt aus dem Jahre 1895 von dem berühmten Bildhauer Ernst Moritz Geyger (1861-1941), Mitglied der Berliner Bildhauerschule. Auf Bestellung Kaiser Wilhelm II. wurde durch den Metallbildner Gustav Lind 1901/02 eine Bronze-Treibarbeit für Schloss Sanssouci in Potsdam in einer Größe von über 4 m angefertigt (Bild, links). Nach mehrfacher Umstellung in den Parks vom Potsdam steht der Bogenschütze nach Renovierung jetzt vor dem Orangerie-Schloss. Insgesamt gibt es 5 weitere Kopien: in Dresden im Staudengarten am Neustädter Elbufer, in Hannover auf dem Platz der Menschenrechte gegenüber dem Rathaus, in Ludwigshafen im Ebertpark, in Kopenhagen vor dem Østerbro-Stadion (Bild, rechts) – und eben hier in Grüna vor der Abel-Villa! Alle diese Kopien haben die Größe eines Menschen, sind ohne Sockel also ca. 1,80 m hoch.

  

Der Grünaer Bogenschütze sollte auf Wunsch von DDR-Kulturverantwortlichen von der Villa an einen öffentlichen Platz umgesetzt werden. Das rief aber Protest hervor, u.a. vom Roland Nestler, damals stellvertretender Stadtarchitekt von Karl-Marx-Stadt. So blieb sie vor der Villa stehen (vielleicht lag es aber auch an Mangel an Umsetzungsmöglichkeiten). Lediglich mit dem Konkurs der Firma Nitzsche & Weiß versuchte man dort, sie aus der Konkursmasse herauszunehmen und zu verstecken, aber man musste sie zurückgeben. Leider verschwand auch der Meißner Porzellan-Pfau. Aber Nitzsche & Weiß fertigten vorher eine Kopie an, die nun die Diele von Thomas Baumann ziert.

Wir bedanken uns bei Thomas Baumann für das nette Gespräch und die Einblicke in seine Villa. Den Erhalt dieses wertvollen Ensembles verwirklicht dieser Eigentümer mit Herzblut. Dass es in unserem Ort ein solches wertvolles Gebäude und diese schöne Statue gibt, sollte uns stolz machen. Villa und Statue werden so erhalten bleiben.

Quelle: Stadtarchiv Chemnitz, Bestand Grüna, S57 Industriebetriebe

Dieser Artikel stammt aus dem Ortschaftsanzeiger Grüna / Mittelbach September 2026

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