1871-82 Ernst Georg Baumgarten

Georg Baumgarten,
der Fliegende Oberförster aus Grüna

Oberförster Baumgartens Luftschiffe - Eine Erfinderchronik als pdf

Baumgarten - seine Lebensgeschichte im Detail als pdf


Berühmteste historische Person von Grüna/Sa. (heute zu Chemnitz) ist Ernst Georg August Baumgarten, auch bekannt als „der Fliegende Oberförster“, denn er entwickelte und baute – lange vor Graf Zeppelin – ein lenkbares Luftschiff, und zwar mit sehr bescheidenen finanziellen und technischen Möglichkeiten. Leider ist dies in der Öffentlichkeit recht unbekannt.

  • 1837: am 21.1. in Johanngeorgenstadt geb. als Sohn des Grenz-Zollaufsehers August Baumgarten u. dessen Frau Adelhaide geb. Schaarschmidt.

  • 1857-59: Studium an der Forstakademie Tharandt, danach Förster in Borstendorf und Böhrigen (bei Roßwein).

  • 1866: am 20.11. Heirat mit Hedwig Auguste Mechler, Tochter des Oberförsters in Borstendorf; sie werden insgesamt zehn Kinder haben.

  • 1870: ab 1.7. Oberförster (d. h. Verwalter des Rabensteiner Forst­ revieres) in Pleißa (bei Limbach-Oberfrohna).

  • 1872: im Dezember Umzug des Dienstsitzes nach Grüna (bei Chemnitz).

  • 1873-75: Bau der ersten Luftschiff-Modelle; Nr. 1: 1 Meter langes Holzgerüst, leinwandbespannt, darin gasgefüllte Kinderballons; Nr. 2: 7,5 m³ Gasvolumen und eine Spielzeugdampfmaschine als Antrieb. Beide Ballone sind zu klein für das Gewicht. Nr. 3: 10,5 m lang, 2 „Federkraftmotoren“ mit je 0,5 PS. Das schwebt, mit einem Schleppseil, in 2 Metern Höhe.

  • 1876: Bau einer Montagehalle in Rabenstein (heute zu Chemnitz); eigene Erzeugung von Wasserstoffgas; vermutlich Bau eines 4. Ballons, dessen Hülle aber nicht gasdicht ist.

  • 1877: In Wien erscheint Baumgartens Büchlein "Das lenkbare Flügel-Luftschiff, der Flug-Apparat, die Vertikal-Erhebungsmaschine ...". Bis 1882 folgen 12 Patentanmeldungen in Deutschland, Belgien, Frankreich und England. Seine eigenen Patent-Ideen kann er aber nur teilweise umsetzen.

  • 1878: Versuch des 1. bemannten Aufstiegs in Dresden/Weißer Hirsch, der wegen verschiedener Mängel (u. a. Gasfüllung) komplett ausfällt.

  • 1879: Mit Hilfe des Grünaer Gastwirts Franz Keil, der sein ganzes Vermögen für Baumgartens Arbeiten opfert, entsteht eine neue Halle und ein 20 m langes unbemanntes Modell, mit dem am 1.7. öffentlich alle Funktionen nachgewiesen und protokolliert werden. Wiederholung im Oktober.

  • 1879: Über das gemeinsame Hobby „Kurzschrift“ lernt Baumgarten den vermögenden Leipziger Buchhändler Dr. Friedrich Hermann Wölfert (geb. 17.11.1850) kennen und begeistert ihn für seine Experimente. Beide schließen einen Vertrag „Geld gegen gleichberechtigte Nutzung“.

  • 1880: In Leipzig gemeinsamer Bau eines Luftschiffes mit 3 Gondeln, 26 m lang, und „Flügelschrauben“ per Hand angetrieben. Nach Test im Januar wird es auf 40 m verlängert. Am 28.3. sollen drei Personen aufsteigen, doch durch Mißverständnisse steigt allein Baumgarten bis in große Höhe. Die Hülle platzt; sie und das Restgas bremsen den Fall; der Pilot bleibt wie durch ein Wunder unverletzt.

  • Im Februar erhält Baumgarten von seiner vorgesetzten Behörde eine Rüge wegen seiner ausgedehnten „Nebentätigkeit“; im Mai verbietet sie ihm bei Androhung der Entlassung weitere Versuche.

  • Diese laufen nun unter Wölferts Namen, und Baumgarten bleibt im Hintergrund. Im Oktober 1880 meldete die Presse „mehrere glückliche Fahrten“, darunter eine bei Wien über ca. 25 km.

  • 1881: Im April finden erfolgreiche unbemannte Versuche in Altendorf (heute Chemnitz) statt.

  • Im Mai/Juni ein verhängnisvoller Zwischenfall: Baumgarten wird durch einen Grünaer Fabrikanten für seine Luftschiff-Ideen öffentlich beleidigt, verliert die Beherrschung und schießt (ohne zu treffen). Bevor es zur Gerichtsverhandlung kommt, wird er für schuldunfähig erklärt und entmündigt. Zum 1.1.1882 soll er in Pension gehen. Nur widerstrebend räumt er seine Dienstwohnung und zieht am 3.1.1882 um nach Siegmar.

  • 1882: Im Februar gehen Baumgarten und Wölfert mit einem neuen Luftschiff nach Berlin-Charlottenburg, um dem Militär ihre Erfindung anzubieten. Der entscheidende Aufstiegsversuch am 5. März endet mit einer Bruchlandung, ausgelöst durch umstehende Bäume, und für Baumgarten lebensgefährlich. Es ist sein letzter Aufstieg.

  • Georg Baumgarten ist (erblich bedingt) leicht erregbar, neigt zu Jähzorn und Depression. Er ist verarmt; seine Luftschiffprojekte sind ohne Motor in einer Sackgasse; seine Forschungsarbeit findet keine Anerkennung. Mit seinem Partner Wölfert gibt es zunehmende Differenzen.

  • Im Jahresverlauf 1882 verschlechtert sich seine psychische Verfassung; er bildete sich Krankheiten ein, mit denen er auch seine Familie ins Unglück gestürzt habe. Bei einer amtsärztlichen Untersuchung am 6.12. wird ihm „Wahnsinn“ diagnostiziert, und am 13. Januar

  • 1883 wird Baumgarten in die Landes-Irrenanstalt Colditz eingewiesen. Ohne erkennbare Bemühungen, den Patienten zu therapieren, wird selbst eine zeitweise Beurlaubung abgelehnt.

  • Georg Baumgarten stirbt am 23. Juni 1884 im Alter von nur 47 Jahren an Tuberkulose.

Wichtigste Erfindungen und Erkenntnisse Baumgartens

  • Antrieb und horizontale Steuerung erfolgen durch Luftschrauben und sogenannte Wendeflügel.

  • Die Vertikalbewegung wird nicht durch Ballast- oder Gasabgabe gesteuert, sondern mittels Luftschrauben. Dazu ist das Luftschiff nicht oder nur wenig schwerer als die verdrängte Luftmenge.

  • Zur Übertragung der Kräfte hängt die Gondel unmittelbar unter dem Ballon und ist mit diesem starr verbunden mittels einer Innen-Aufhängung, wobei die Tragseile die Hülle durchdringen.

  • Der Muskelkraft-Antrieb ist jedoch unzureichend – einen geeigneten Motor gibt es noch nicht.

  • Die Gasfüllung des Ballons soll in einzelnen Zellen („Ballonetts“) erfolgen.

  • Im September 1880 soll Baumgarten noch an einem „neuen Projekt“ gearbeitet haben, einem Starrballon mit innerem Skelett – dem späteren Zeppelin-Prinzip.

 

Dr. Friedrich Hermann Wölfert arbeitet ab 1883 allein und entwickelt Baumgartens Ideen weiter. Er nennt sein Luftschiff „Deutschland“ und baut mehrere handbetriebene Modelle, mit wechselndem Erfolg. Gottlieb Daimler, der seinen neu entwickelten Benzinmotor „zu Lande, zu Wasser und in der Luft“ einsetzen möchte (die drei Zacken des Mercedes-Sterns), nimmt im Oktober 1887 Kontakt zu Wölfert auf, und am 10.8.1888 findet in Cannstatt die erste Fahrt eines Luftfahrzeugs mit Ottomotor statt, wenn auch noch nicht mit überzeugendem Ergebnis. Weitere Versuche und Verbesserungen folgen; über Augsburg, München und Wien kommt Wölfert nach Berlin, immer auch auf der Suche nach Geldgebern.

Zur Gewerbeausstellung Berlin 1896 steigt er mit seinem neuen Luftschiff „Deutschland“ auf: 28 m lang, 875 cbm Volumen, Daimler-Motor mit 8 PS. Bis Juni 1897 gibt es viele weitere Fahrten, mit unterschiedlichen Ergebnissen und Reaktionen des Militärs.

Am 12.6.1897 verunglücken Wölfert und sein Mechaniker Knabe tödlich. Bei einer unter Erfolgszwang stehenden Vorführung entzünden Flammen aus dem Motor das Wasserstoffgas, und die Hülle verbrennt in 600 Metern Höhe.

Ferdinand Adolf Heinrich August Graf von Zeppelin ist 18 Monate jünger als Baumgarten. Er erwirbt am 13. August 1898 das Reichspatent Nr. 98580 für einen Lenkbaren Luftfahrzug mit mehreren hintereinander angeordneten Tragkörpern. Der wird so zwar nie gebaut, doch am 2.7.1900 steigt sein erstes Starrluftschiff LZ1 über dem Bodensee auf.

Baumgarten-Ehrung in Grüna

1911: Eine neu gebaute Straße erhält Baumgartens Namen.

1929: Die "Interessengruppe Luftschiff Baumgarten" wird gegründet; ein Mitglied ist Georg B. jr..

1937: Diese organisiert Gedenktafeln an seinen Häusern in Johanngeorgenstadt und in Siegmar.

1954: Einrichtung eines Baumgarten-Gedenkzimmers in der Alten Oberförsterei.

1982: Gründung eines neues „Arbeitskreises Georg Baumgarten“.

1984: In der Baumgartenstraße wird eine Gedenktafel angebracht.

1987: Anläßlich seines 150. Geburtstages wird im Schulhort eine neue Ausstellung eröffnet.

1990: Die Grünaer Schule erhält den Namen „Baumgarten-Schule“. – Am Stausee Oberrabenstein (wo Baumgarten eine Montagehalle hatte) wird eine Granitstele für den Erfinder errichtet.

1994: Eröffnung der Baumgarten-Wölfert-Gedenkausstellung im neuen Folklorehof sowie des Baumgarten-Rundwanderweges im Rabensteiner Wald.

1997: Volksfest anläßlich des 160. Geburtstages Baumgartens und des 100. Todestages Wölferts

2007: dreitägiges Volksfest „Grüna geht in die Luft“

Seit 2008 findet jährlich am letzten Sonnabend im September der „Baumgartentag Grüna“ statt.

2009: In der denkmalgeschützten Wohn- und Arbeitsstätte Baumgartens, der Alten Oberförsterei, wird das AWO-„Kinderhaus Baumgarten“ eröffnet, der „schönste Kindergarten von Chemnitz“.

2012: Zu Baumgartens 175. Geburtstag am 21.1. Enthüllung einer Gedenktafel an der Oberförsterei

2013: Den Festumzug zur 750-Jahr-Feier Grünas führt der „Oberförster Baumgarten“ an mit seinem „neuesten“ Modell namens „Baumgarten NT – Grüna/Sa.“ (10 Meter lang).

2015: Eine neue Apotheke in Grüna öffnet unter Baumgartens Namen.

2019: Nach Schließung der Baumgarten-Wölfert-Ausstellung aus Brandschutzgründen 2015 wird eine neue Ausstellung im Rathaus Grüna eingerichtet.

Literatur: Horst Teichmann und Günter O. Schulz (Letzterer ein Urenkel Wölferts):

„Ein Traum wird wahr – Georg Baumgarten und Dr. Wölfert, die wichtigsten deutschen Luftschiffpioniere des 19. Jahrhunderts“, Schiff und Flugzeug-Verlagsbuchhandlung Empfingen 2007

Internet: www.gruena-online.de www.heimatverein-gruena.de

Grüna, im Mai 2019 Fritz Stengel, Heimatverein Grüna, Arbeitskreis Baumgarten


Hier finden Sie den Lebenslauf als pdf zum Download

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Baumgarten bei Wikipedia

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